Die Abenteuer Tom Sawyers

28. Achtundzwanzigstes Kapitel.

Das Abenteuer des Tages quälte Tom nachts im Traum. Manchmal hielt er den Schatz in Händen, manchmal zerrann er ihm zwischen den Fingern in nichts, bis ihn der Schlaf verließ und das Erwachen ihn von der schrecklichen Wirklichkeit seiner Lage überzeugte. Als er am frühen Morgen, die Einzelheiten seines Abenteuers überdenkend, dalag, erschienen sie ihm immer undeutlicher und unklarer, als wenn sie sich in irgend einer anderen Welt ereignet hätten oder in längst vergangener Zeit. Dann schien ihm das große Ereignis wie ein Traum! Es sprach sehr viel dafür, namentlich, daß die Menge Geld, die er gesehen hatte, gar zu groß schien, um wirklich existieren zu können. Er hatte nie mehr als fünfzig Dollar in einem Haufen gesehen und wie alle Jungen seines Alters und seiner Lebenslage, glaubte er, daß alle „Hunderte“ und „Tausende“ nichts anderes seien als glänzende Redensarten, und daß eine solche Summe in Wirklichkeit gar nicht denkbar sei. Nicht einen Augenblick hatte er gedacht, daß sich in irgend jemandes Besitz eine solche Summe, wie hundert Dollar war, finden könne. Wenn er sich seine vergrabenen Schätze vorstellte, rechnete er höchstens mit 'ner Handvoll Schillinge.

Aber die Einzelheiten seines Abenteuers traten ihm, je mehr er daran dachte, um so schärfer und klarer vor die Seele und plötzlich ertappte er sich über dem Gedanken, daß möglicherweise doch nicht alles ein Traum gewesen sei. Diese Ungewißheit mußte abgeschüttelt werden. Schnell wollte er sein Frühstück hinunterschlingen und dann Huck aufsuchen.

Huck saß auf dem Rande eines Bootes, seine Füße ins Wasser baumeln lassend und mit sehr melancholischem Gesichtsausdruck. Tom beschloß, Huck selbst auf den Gegenstand kommen zu lassen. Tat er's nicht, dann war alles ein Traum gewesen.

„Holla, Huck!“

„Morgen, Tom!“

Minutenlanges Stillschweigen.

„Tom, hätten wir den verdammten Spaten oben beim Baum gelassen, hätten wir's Geld bekommen. Ach, 's ist zum Verrücktwerden!“

„'s war also kein Traum, 's war kein Traum! Möcht' fast, 's wär einer gewesen.“

„Was ist kein Traum?“

„O, die Geschichte von gestern. Dachte halb, 's wär einer gewesen.“

„Traum! Wär' die Treppe nicht gebrochen, hättest du was von 'nem Traum erleben können! Hab' die ganze Nacht von dem verdammten grünäugigen Spanier geträumt, wie er auf mich losging. Der Henker hol' ihn!“

„Nicht hol' ihn! Find ihn! Find's Geld!“

„Tom — wollen ihn lieber nicht wiederfinden! Mich würd's schütteln, wenn ich ihn bloß wieder zu sehen kriegte.“

„Gut, so tu ich's. Möcht' ihn schon sehen und ihm nachschleichen — nach Nummer zwei.“

„Nummer zwei; ja, das ist's. Denk' immerfort drüber nach. Aber ich kann's nicht rauskriegen. Was denkst du?“

„Weiß nicht. Ist zu tief. Sag', Huck — könnt's nicht die Nummer von 'nem Haus sein'?“

„Goddam! — Nein, Tom, das ist's nicht. Wenn's ist, ist's doch nicht hier im Dorf. Hier gibt's keine Nummern.“

„Ja, das ist wohl so. Laß mich 'ne Minute denken. He — 's ist die Nummer von 'nem Zimmer — in 'nem Wirtshaus — weißt du!“

„Das ist's! Das ist 'n Kniff! 's gibt aber nur zwei Wirtshäuser. Wir können's leicht finden.“

„Wart' hier, Huck, bis ich wiederkomm'.“

Im Nu war Tom verschwunden. Er wollte sich auf offener Straße nicht mit Huck sehen lassen. Eine halbe Stunde war er fort. Er fand, daß im besseren Wirtshaus Nummer zwei seit langer Zeit von einem jungen Advokaten bewohnt war und noch wurde.

Im andern Wirtshaus war Nummer zwei in geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Der Sohn des Wirtes sagte, daß sie stets geschlossen gehalten werde und daß er nie jemand habe hineingehen oder herauskommen sehen — ausgenommen zur Nachtzeit; Näheres wußte er nicht, er selbst schon habe den Gedanken gehabt, es spuke in dem Zimmer und schließlich wußte er nichts von einem Licht darin in der letzten Nacht.

„Das hab' ich alles rausgekriegt, Huck. Ich denke, 's ist die Nummer zwei, die wir brauchen.“

„Denk' auch, Tom. Und was willst du jetzt tun?“

„Laß mich nachdenken.“

Tom dachte lange nach, dann sagte er: „Will's dir sagen. Die Hintertür von Nummer zwei geht auf den Gang zwischen Wirtshaus und der alten Mauer. Nun sollst du alle Schlüssel, die du nur auftreiben kannst, zusammentragen und ich will alle von meiner Tante nehmen und in der ersten dunklen Nacht wollen wir hingehen und sie versuchen. Und dann sollst du auf Joe aufpassen, weil er doch gesagt hat, daß er hier 'ne Gelegenheit für seine Rache aushorchen will. Wenn du ihn siehst, folgst du ihm; und wenn er dann nicht nach Nummer zwei geht, dann ist's nicht der rechte Ort.“

„Herr Gott, ich wag's nicht, ihm zu folgen!“

„Unsinn, bei Nacht ist's sicher. Er braucht dich ja nicht zu sehen — und wenn er's tut, denkt er sich nichts dabei.“

„Na, 's ist gut: wenn's dunkel ist, denk' ich, ich folg' ihm. Werd's versuchen.“

„Aber sicher, Huck — wenn du nicht gut aufpaßt, wird's nichts!“