: Das Nibelungenlied 7. Siebentes Abenteuer. // Wie Gunther Brunhilden gewann. Ihr Schifflein unterdessen · war auf dem Meer // Zur Burg heran gefloßen: · da sah der König hehr // Oben in den Fenstern · manche schöne Maid. // Daß er sie nicht erkannte, · das war in Wahrheit ihm leid. // Er fragte Siegfrieden, · den Gesellen sein: // „Hättet ihr wohl Kunde · um diese Mägdelein, // Die dort hernieder schauen · nach uns auf die Flut? // Wie ihr Herr auch heiße, · so tragen sie hohen Muth.“ // Da sprach der kühne Siegfried: · „Nun sollt ihr heimlich spähn // Nach den Jungfrauen · und sollt mir dann gestehn, // Welche ihr nehmen wolltet, · wär euch die Wahl verliehn.“ // „Das will ich,“ sprach Gunther, · dieser Ritter schnell und kühn. // „So schau ich ihrer Eine · in jenem Fenster an, // Im schneeweißen Kleide, · die ist so wohlgethan: // Die wählen meine Augen, · so schön ist sie von Leib. // Wenn ich gebieten dürfte, · sie müste werden mein Weib.“ // „Dir hat recht erkoren · deiner Augen Schein: // Es ist die edle Brunhild, · das schöne Mägdelein, // Nach der das Herz dir ringet, · der Sinn und auch der Muth.“ // All ihr Gebaren dauchte · König Gunthern gut. // Da hieß die Königstochter · von den Fenstern gehn // Die minniglichen Maide: · sie sollten da nicht stehn // Zum Anblick für die Fremden; · sie folgten unverwandt. // Was da die Frauen thaten, · das ist uns auch wohl bekannt. // Sie zierten sich entgegen · den unkunden Herrn, // Wie es immer thaten · schöne Frauen gern. // Dann an die engen Fenster · traten sie heran, // Wo sie die Helden sahen: · das ward aus Neugier gethan. // Nur ihrer Viere waren, · die kamen in das Land. // Siegfried der kühne · ein Ross zog auf den Strand. // Das sahen durch die Fenster · die schönen Frauen an: // Große Ehre dauchte · sich König Gunther gethan. // Er hielt ihm bei dem Zaume · das zierliche Ross, // Das war gut und stattlich, · stark dazu und groß, // Bis der König Gunther · fest im Sattel saß. // Also dient' ihm Siegfried, · was er hernach doch ganz vergaß. // Dann zog er auch das seine · aus dem Schiff heran: // Er hatte solche Dienste · gar selten sonst gethan, // Daß er am Steigreif · Helden gestanden wär. // Das sahen durch die Fenster · die schönen Frauen hehr. // Es war in gleicher Weise · den Helden allbereit // Von schneeblanker Farbe · das Ross und auch das Kleid, // Dem einen wie dem andern, · und schön der Schilde Rand: // Die warfen hellen Schimmer · an der edeln Recken Hand. // Ihre Sättel wohlgesteinet, · die Brustriemen schmal: // So ritten sie herrlich · vor Brunhildens Saal; // Daran hiengen Schellen · von lichtem Golde roth. // Sie kamen zu dem Lande, · wie ihr Hochsinn gebot, // Mit Speren neu geschliffen, · mit wohlgeschaffnem Schwert, // Das bis auf die Sporen gieng · den Helden werth. // Die Wohlgemuthen führten · es scharf genug und breit. // Das alles sah Brunhild, · diese herrliche Maid. // Mit ihnen kam auch Dankwart · und sein Bruder Hagen: // Diese beide trugen, · wie wir hören sagen, // Von rabenschwarzer Farbe · reichgewirktes Kleid; // Neu waren ihre Schilde, · gut, dazu auch lang und breit. // Von India dem Lande · trugen sie Gestein, // Das warf an ihrem Kleide · auf und ab den Schein. // Sie ließen unbehütet · das Schifflein bei der Flut; // So ritten nach der Veste · diese Helden kühn und gut. // Sechsundachtzig Thürme · sahn sie darin zumal, // Drei weite Pfalzen · und einen schönen Saal // Von edelm Marmelsteine, · so grün wie das Gras, // Darin die Königstochter · mit ihrem Ingefinde saß. // Die Burg war erschloßen · und weithin aufgethan, // Brunhildes Mannen · liefen alsbald heran // Und empfiengen die Gäste · in ihrer Herrin Land. // Die Rosse nahm man ihnen · und die Schilde von der Hand. // Da sprach der Kämmrer Einer: · „Gebt uns euer Schwert // Und die lichten Panzer.“ · „Das wird euch nicht gewährt,“ // Sprach Hagen von Tronje, · „wir wollens selber tragen.“ // Da begann ihm Siegfried · von des Hofs Gebrauch zu sagen: // „In dieser Burg ist Sitte, · das will ich euch sagen, // Keine Waffen dürfen · da die Gäste tragen: // Laßt sie von hinnen bringen, · das ist wohlgethan.“ // Ihm folgte wider Willen · Hagen, König Gunthers Mann. // Man ließ den Gästen schenken · und schaffen gute Ruh. // Manchen schnellen Recken · sah man dem Hofe zu // Allenthalben eilen · in fürstlichem Gewand; // Doch wurden nach den Kühnen · ringsher die Blicke gesandt. // Nun wurden auch Brunhilden · gesagt die Mären, // Daß unbekannte Recken · gekommen wären // In herrlichem Gewande · gefloßen auf der Flut. // Da begann zu fragen · diese Jungfrau schön und gut: // „Ihr sollt mich hören laßen,“ · sprach das Mägdelein, // „Wer die unbekannten · Recken mögen sein, // Die ich dort stehen sehe · in meiner Burg so hehr, // Und wem zu Lieb die Helden · wohl gefahren sind hieher.“ // Des Gesindes sprach da Einer: · „Frau, ich muß gestehn, // Daß ich ihrer Keinen · je zuvor gesehn; // Doch Einer steht darunter, · der Siegfrieds Weise hat: // Den sollt ihr wohl empfangen, · das ist in Treuen mein Rath. // „Der andre der Gesellen, · gar löblich dünkt er mich; // Wenn er die Macht besäße, · zum König ziemt' er sich // Ob weiten Fürstenlanden, · sollt er die versehn. // Man sieht ihn bei den Andern · so recht herrlich da stehn. // „Der dritte der Gesellen, · der hat gar herben Sinn, // Doch schönen Wuchs nicht minder, · reiche Königin. // Die Blicke sind gewaltig, · deren so viel er thut: // Er trägt in seinem Sinne, · wähn ich, grimmigen Muth. // „Der jüngste darunter, · gar löblich dünkt er mich: // Man sieht den reichen Degen · so recht minniglich // In jungfräulicher Sitte · und edler Haltung stehn: // Wir müstens alle fürchten, · wär ihm ein Leid hier geschehn. // „So freundlich er gebahre, · so wohlgethan sein Leib, // Er brächte doch zum Weinen · manch waidliches Weib, // Wenn er zürnen sollte; · sein Wuchs ist wohl so gut, // Er ist an allen Tugenden · ein Degen kühn und wohlgemuth.“ // Da sprach die Königstochter: · „Nun bringt mir mein Gewand: // Und ist der starke Siegfried · gekommen in mein Land // Um meiner Minne willen, · es geht ihm an den Leib: // Ich fürcht ihn nicht so heftig, · daß ich würde sein Weib.“ // Brunhild die schöne · trug bald erlesen Kleid. // Auch gab ihr Geleite · manche schöne Maid, // Wohl hundert oder drüber, · sie all in reicher Zier. // Die Gäste kam zu schauen · manches edle Weib mit ihr. // Mit ihnen giengen · Degen aus Isenland, // Brunhildens Recken, · die Schwerter in der Hand, // Fünfhundert oder drüber; · das war den Gästen leid. // Aufstanden von den Sitzen · die kühnen Helden allbereit. // Als die Königstochter · Siegfrieden sah, // Wohlgezogen sprach sie · zu dem Gaste da: // „Seid willkommen, Siegfried, · hier in diesem Land. // Was meint eure Reise? · das macht mir, bitt ich, bekannt.“ // „Viel Dank muß ich euch sagen, · Frau Brunhild, // Daß ihr mich geruht zu grüßen, · Fürstentochter mild, // Vor diesem edeln Recken, · der hier vor mir steht: // Denn der ist mein Lehnsherr; · der Ehre Siegfried wohl enträth. // „Er ist am Rheine König: · was soll ich sagen mehr? // Dir nur zu Liebe · fuhren wir hierher. // Er will dich gerne minnen, · was ihm geschehen mag. // Nun bedenke dich bei Zeiten: · mein Herr läßt nimmermehr nach. // „Er ist geheißen Gunther, · ein König reich und hehr. // Erwirbt er deine Minne, · nicht mehr ist sein Begehr. // Deinthalb mit ihm · that ich diese Fahrt; // Wenn er mein Herr nicht wäre, · ich hätt es sicher gespart.“ // Sie sprach: „Wenn er dein Herr ist · und du in seinem Lehn, // Will er, die ich ertheile, · meine Spiele dann bestehn // Und bleibt darin der Meister, · so werd ich sein Weib; // Doch ists, daß ich gewinne, · es geht euch allen an den Leib.“ // Da sprach von Tronje Hagen: · „So zeig uns, Königin, // Was ihr für Spiel' ertheilet. · Eh euch den Gewinn // Mein Herr Gunther ließe, · so müst es übel sein: // Er mag wohl noch erwerben · ein so schönes Mägdelein.“ // „Den Stein soll er werfen · und springen darnach, // Den Sper mit mir schießen: · drum sei euch nicht zu jach. // Ihr verliert hier mit der Ehre · Leben leicht und Leib: // Drum mögt ihr euch bedenken,“ · sprach das minnigliche Weib. // Siegfried der schnelle · gieng zu dem König hin // Und bat ihn, frei zu reden · mit der Königin // Ganz nach seinem Willen; · angstlos soll er sein: // „Ich will dich wohl behüten · vor ihr mit den Listen mein.“ // Da sprach der König Gunther: · „Königstochter hehr, // Ertheilt mir, was ihr wollet, · und wär es auch noch mehr, // Eurer Schönheit willen · bestünd ich Alles gern. // Mein Haupt will ich verlieren, · gewinnt ihr mich nicht zum Herrn.“ // Als da seine Rede · vernahm die Königin, // Bat sie, wie ihr ziemte, · das Spiel nicht zu verziehn. // Sie ließ sich zum Streite · bringen ihr Gewand, // Einen goldnen Panzer · und einen guten Schildesrand. // Ein seiden Waffenhemde · zog sich an die Maid, // Das ihr keine Waffe · verletzen konnt im Streit, // Von Zeugen wohlgeschaffen · aus Libya dem Land: // Lichtgewirkte Borten · erglänzten rings an dem Rand. // Derweil hatt ihr Uebermuth · den Gästen schwer gedräut. // Dankwart und Hagen · die standen unerfreut. // Wie es dem Herrn ergienge, · sorgte sehr ihr Muth. // Sie dachten: „Unsre Reise · bekommt uns Recken nicht gut.“ // Derweilen gieng Siegfried, · der listige Mann, // Eh es wer bemerkte, · an das Schiff heran, // Wo er die Tarnkappe · verborgen liegen fand, // In die er hurtig schlüpfte: · da war er Niemand bekannt. // Er eilte bald zurücke · und fand hier Recken viel: // Die Königin ertheilte · da ihr hohes Spiel. // Da gieng er hin verstohlen · und daß ihn Niemand sah // Von Allen, die da waren, · was durch Zauber geschah. // Es war ein Kreis gezogen, · wo das Spiel geschehn // Vor kühnen Recken sollte, · die es wollten sehn. // Wohl siebenhundert · sah man Waffen tragen: // Wer das Spiel gewänne, · das sollten sie nach Wahrheit sagen. // Da war gekommen Brunhild, · die man gewaffnet fand, // Als ob sie streiten wolle · um aller Könge Land. // Wohl trug sie auf der Seide · viel Golddrähte fein; // Ihre minnigliche Farbe · gab darunter holden Schein. // Nun kam ihr Gesinde, · das trug herbei zuhand // Aus allrothem Golde · einen Schildesrand // Mit hartem Stahlbeschlage, · mächtig groß und breit, // Worunter spielen wollte · diese minnigliche Maid. // An einer edeln Borte · ward der Schild getragen, // Auf der Edelsteine, · grasgrüne, lagen; // Die tauschten mannigfaltig · Gefunkel mit dem Gold. // Er bedurfte großer Kühnheit, · dem die Jungfrau wurde hold. // Der Schild war untern Buckeln, · so ward uns gesagt, // Von dreier Spannen Dicke; · den trug hernach die Magd. // An Stahl und auch an Golde · war er reich genug, // Den ihrer Kämmrer Einer · mit Mühe selbvierter trug. // Als der starke Hagen · den Schild hertragen sah, // In großem Unmuthe · sprach der Tronjer da: // „Wie nun, König Gunther? · An Leben gehts und Leib: // Die ihr begehrt zu minnen, · die ist ein teuflisches Weib.“ // Hört noch von ihren Kleidern: · deren hatte sie genug. // Von Azagauger Seide · einen Wappenrock sie trug, // Der kostbar war und edel: · daran warf hellen Schein // Von der Königstochter · gar mancher herrliche Stein. // Da brachten sie der Frauen · mächtig und breit // Einen scharfen Wurfspieß; · den verschoß sie allezeit, // Stark und ungefüge, · groß dazu und schwer. // An seinen beiden Seiten · schnitt gar grimmig der Sper. // Von des Spießes Schwere · höret Wunder sagen: // Wohl hundert Pfund Eisen · war dazu verschlagen. // Ihn trugen mühsam Dreie · von Brunhildens Heer: // Gunther der edle · rang mit Sorgen da schwer. // Er dacht in seinem Sinne: · „Was soll das sein hier? // Der Teufel aus der Hölle, · wie schützt' er sich vor ihr? // War ich mit meinem Leben · wieder an dem Rhein, // Sie dürfte hier wohl lange · meiner Minne ledig sein.“ // Er trug in seinen Sorgen, · das wißet, Leid genug. // All seine Rüstung · man ihm zur Stelle trug. // Gewappnet Stand der reiche · König bald darin. // Vor Leid hätte Hagen · schier gar verwandelt den Sinn. // Da sprach Hagens Bruder, · der kühne Dankwart: // „Mich reut in der Seele · her zu Hof die Fahrt. // Nun hießen wir einst Recken! · wie verlieren wir den Leib! // Soll uns in diesem Lande · nun verderben ein Weib? // „Des muß mich sehr verdrießen, · daß ich kam in dieses Land. // Hätte mein Bruder Hagen · sein Schwert an der Hand // Und auch ich das meine, · so sollten sachte gehn // Mit ihrem Uebermuthe · Die in Brunhildens Lehn. // Sie sollten sich bescheiden, · das glaubet mir nur. // Hätt ich den Frieden tausendmal · bestärkt mit einem Schwur, // Bevor ich sterben sähe · den lieben Herren mein, // Das Leben müste laßen · dieses schöne Mägdelein.“ // „Wir möchten ungefangen · wohl räumen dieses Land,“ // Sprach sein Bruder Hagen, · „hätten wir das Gewand, // Des wir zum Streit bedürfen, · und die Schwerter gut, // So sollte sich wohl sänften · der schönen Fraue Uebermuth.“ // Wohl hörte, was er sagte, · die Fraue wohlgethan; // Ueber die Achsel · sah sie ihn lächelnd an. // „Nun er so kühn sich dünket, · so bringt doch ihr Gewand, // Ihre scharfen Waffen · gebt den Helden an die Hand. // „Es kümmert mich so wenig, · ob sie gewaffnet sind, // Als ob sie bloß da stünden,“ · so sprach das Königskind. // „Ich fürchte Niemands Stärke, · den ich noch je gekannt: // Ich mag auch wohl genesen · im Streit vor des Königs Hand.“ // Als man die Waffen brachte, · wie die Maid gebot, // Dankwart der kühne · ward vor Freuden roth. // „Nun spielt, was ihr wollet,“ · sprach der Degen werth, // „Gunther ist unbezwungen: · wir haben wieder unser Schwert.“ // Brunhildens Stärke · zeigte sich nicht klein: // Man trug ihr zu dem Kreise · einen schweren Stein, // Groß und ungefüge, · rund dabei und breit. // Ihn trugen kaum zwölfe · dieser Degen kühn im Streit. // Den warf sie allerwegen, · wie sie den Sper verschoß. // Darüber war die Sorge · der Burgunden groß. // „Wen will der König werben?“ · sprach da Hagen laut: // „Wär sie in der Hölle · doch des übeln Teufels Braut!“ // An ihre weißen Arme · sie die Ärmel wand, // Sie schickte sich und faßte · den Schild an die Hand, // Sie schwang den Spieß zur Höhe: das war des Kampfe Beginn. // Gunther und Siegfried bangten vor Brunhildens grimmem Sinn. // Und wär ihm da Siegfried · zu Hülfe nicht gekommen, // So hätte sie dem König · das Leben wohl benommen. // Er trat hinzu verstohlen · und rührte seine Hand; // Gunther seine Künste · mit großen Sorgen befand. // „Wer wars, der mich berührte?“ · dachte der kühne Mann, // Und wie er um sich blickte, · da traf er Niemand an. // Er sprach: „Ich bin es, Siegfried, · der Geselle dein: // Du sollst ganz ohne Sorge · vor der Königin sein.“ // (Er sprach:) „Gieb aus den Händen den Schild, laß mich ihn tragen // Und behalt im Sinne, · was du mich hörest sagen: // Du habe die Gebärde, · ich will das Werk begehn.“ // Als er ihn erkannte, · da war ihm Liebes geschehn. // „Verhehl auch meine Künste, · das ist uns beiden gut: // So mag die Königstochter · den hohen Uebermuth // Nicht an dir vollbringen, · wie sie gesonnen ist: // Nun sieh doch, welcher Kühnheit · sie wider dich sich vermißt.“ // Da schoß mit ganzen Kräften · die herrliche Maid // Den Sper nach einem neuen Schild, · mächtig und breit; // Den trug an der Linken · Sieglindens Kind. // Das Feuer sprang vom Stahle, · als ob es wehte der Wind. // Des starken Spießes Schneide · den Schild ganz durchdrang, // Daß das Feuer lohend · aus den Ringen sprang. // Von dem Schuße fielen · die kraftvollen Degen: // War nicht die Tarnkappe, · sie wären beide da erlegen. // Siegfried dem kühnen · vom Munde brach das Blut. // Bald sprang er auf die Füße: · da nahm der Degen gut // Den Sper, den sie geschoßen · ihm hatte durch den Rand: // Den warf ihr jetzt zurücke · Siegfried mit kraftvoller Hand. // Er dacht: „Ich will nicht schießen · das Mägdlein wonniglich.“ // Des Spießes Schneide kehrt' er · hinter den Rücken sich; // Mit der Sperstange · schoß er auf ihr Gewand, // Daß es laut erhallte · von seiner kraftreichen Hand. // Das Feuer stob vom Panzer, · als trieb' es der Wind. // Es hatte wohl geschoßen · der Sieglinde Kind: // Sie vermochte mit den Kräften · dem Schuße nicht zu stehn; // Das war von König Gunthern · in Wahrheit nimmer geschehn. // Brunhild die schöne · bald auf die Füße sprang: // „Gunther, edler Ritter, · des Schußes habe Dank!“ // Sie wähnt', er hätt es selber · mit seiner Kraft gethan // Nein, zu Boden warf sie · ein viel stärkerer Mann. // Da gieng sie hin geschwinde, · zornig war ihr Muth, // Den Stein hoch erhub sie, · die edle Jungfrau gut; // Sie schwang ihn mit Kräften · weithin von der Hand, // Dann sprang sie nach dem Wurfe, · daß laut erklang ihr Gewand. // Der Stein fiel zu Boden · von ihr zwölf Klafter weit: // Den Wurf überholte · im Sprung die edle Maid. // Hin gieng der schnelle Siegfried, · wo der Stein nun lag: // Gunther must ihn wägen, · des Wurfs der Verholne pflag. // Siegfried war kräftig, · kühn und auch lang; // Den Stein warf er ferner, · dazu er weiter sprang. // Ein großes Wunder war es · und künstlich genug, // Daß er in dem Sprunge · den König Gunther noch trug. // Der Sprung war ergangen, · am Boden lag der Stein: // Gunther wars, der Degen, · den man sah allein. // Brunhild die schöne · ward vor Zorne roth; // Gewendet hatte Siegfried · dem König Gunther den Tod. // Zu ihrem Ingesinde · sprach die Königin da, // Als sie gesund den Helden · an des Kreises Ende sah: // „Ihr, meine Freund und Mannen, · tretet gleich heran: // Ihr sollt dem König Gunther · alle werden unterthan.“ // Da legten die Kühnen · die Waffen von der Hand // Und boten sich zu Füßen · von Burgundenland // Gunther dem reichen, · so mancher kühne Mann: // Sie wähnten, die Spiele · hätt er mit eigner Kraft gethan. // Er grüßte sie gar minniglich; · wohl trug er höfschen Sinn. // Da nahm ihn bei der Rechten · die schöne Königin: // Sie erlaubt' ihm, zu gebieten · in ihrem ganzen Land. // Des freute sich da Hagen, · der Degen kühn und gewandt. // Sie bat den edeln Ritter · mit ihr zurück zu gehn // Zu dem weiten Saale, · wo mancher Mann zu sehn, // Und mans aus Furcht dem Degen · nun desto beßer bot. // Siegfrieds Kräfte hatten · sie erledigt aller Noth. // Siegfried der schnelle · war wohl schlau genug, // Daß er die Tarnkappe · aufzubewahren trug. // Dann gieng er zu dem Saale, · wo manche Fraue saß: // Er sprach zu dem König, · gar listiglich that er das: // „Was säumt ihr, Herr König, · und beginnt die Spiele nicht, // Die euch aufzugeben · die Königin verspricht? // Laßt uns doch bald erschauen, · wie es damit bestellt.“ // Als wüst er nichts von allem, · so that der listige Held. // Da sprach die Königstochter: · „Wie konnte das geschehn, // Daß ihr nicht die Spiele, · Herr Siegfried, habt gesehn, // Worin hier Sieg errungen hat · König Gunthers Hand?“ // Zur Antwort gab ihr Hagen · aus der Burgunden Land: // Er sprach: „Da habt ihr, Königin, · uns betrübt den Muth: // Da war bei dem Schiffe · Siegfried der Degen gut, // Als der Vogt vom Rheine · das Spiel euch abgewann; // Drum ist es ihm unkundig,“ · sprach da Gunthers Unterthan, // „Nun wohl mir dieser Märe,“ · sprach Siegfried der Held, // „Daß hier eure Hochfahrt · also ward gefällt, // Und Jemand lebt, der euer · Meister möge sein. // Nun sollt ihr, edle Jungfrau, · uns hinnen folgen an den Rhein.“ // Da sprach die Wohlgethane: · „Das mag noch nicht geschehn. // Erst frag ich meine Vettern · und Die in meinem Lehn. // Ich darf ja nicht so leichthin · räumen dieß mein Land: // Meine höchsten Freunde · die werden erst noch besandt.“ // Da ließ sie ihre Boten · nach allen Seiten gehn: // Sie besandte ihre Freunde · und Die in ihrem Lehn, // Daß sie zum Isensteine · kämen unverwandt; // Einem jeden ließ sie geben · reiches, herrliches Gewand. // Da ritten alle Tage · Beides, spat und fruh, // Der Veste Brunhildens · die Recken scharweis zu. // „Nun ja doch,“ sprach da Hagen, · „was haben wir gethan! // Wir erwarten uns zum Schaden hier · Die Brunhild unterthan.“ // „Wenn sie mit ihren Kräften · kommen in dieß Land, // Der Königin Gedanken · die sind uns unbekannt: // Wie, wenn sie uns zürnte? · so wären wir verloren, // Und wär das edle Mägdlein uns · zu großen Sorgen geboren!“ // Da sprach der starke Siegfried: · „Dem will ich widerstehn. // Was euch da Sorge schaffet, · das laß ich nicht geschehn. // Ich will euch Hülfe bringen · her in dieses Land // Durch auserwählte Degen: · die sind euch noch unbekannt. // „Ihr sollt nach mir nicht fragen, · ich will von hinnen fahren; // Gott möge eure Ehre · derweil wohl bewahren. // Ich komme bald zurücke · und bring euch tausend Mann // Der allerbesten Degen, · deren Jemand Kunde gewann.“ // „So bleibt nur nicht zu lange,“ · der König sprach da so, // „Wir sind eurer Hülfe · nicht unbillig froh.“ // Er sprach: „Ich komme wieder · gewiss in wenig Tagen. // Ihr hättet mich versendet, · sollt ihr der Königin sagen.“ // 8. Achtes Abenteuer. // Wie Siegfried nach den Nibelungen fuhr.