: Das Nibelungenlied 29. Neunundzwanzigstes Abenteuer. // Wie Hagen und Volker vor Kriemhildens Saal saßen. Da schieden auch die beiden · werthen Recken sich, // Hagen von Tronje · und Herr Dieterich. // Ueber die Achsel blickte · Gunthers Unterthan // Nach einem Heergesellen, · den er sich bald gewann. // Neben Geiselheren · sah er Volkern stehn, // Den kunstreichen Fiedler: · den bat er mitzugehn, // Weil er wohl erkannte · seinen grimmen Muth: // Er war an allen Tugenden · ein Ritter kühn und auch gut. // Noch ließ man die Herren · auf dem Hofe stehn. // Die Beiden ganz alleine · sah man von dannen gehn // Ueber den Hof hin ferne · vor einen Pallas weit: // Die Auserwählten scheuten · sich vor Niemandes Streit. // Sie setzten vor dem Hause sich · genüber einem Saal, // Der war Kriemhilden, · auf eine Bank zu Thal. // An ihrem Leibe glänzte · ihr herrlich Gewand; // Gar Manche, die das sahen, · hätten gern sie gekannt. // Wie die wilden Thiere · gaffte sie da an, // Die übermüthgen Helden, · mancher Heuneumann. // Da sah sie durch ein Fenster · Etzels Königin: // Das betrübte wieder · der schönen Kriemhilde Sinn. // Sie gedacht ihres Leides; · zu weinen hub sie an. // Das wunderte die Degen, · die Etzeln unterthan, // Was ihr bekümmert hätte · so sehr den hohen Muth? // Da sprach sie: „Das that Hagen, · ihr Helden kühn und auch gut.“ // Sie sprachen zu der Frauen: · „Wie ist das geschehn? // Wir haben euch doch eben · noch wohlgemuth gesehn. // Wie kühn er auch wäre, · der es euch hat gethan, // Befehlt ihr uns die Rache, · den Tod müst er empfahn.“ // „Dem wollt ich immer danken, · der rächte dieses Leid: // Was er nur begehrte, · ich wär dazu bereit. // „Ich fall euch zu Füßen,“ · so sprach des Königs Weib: // „Rächt mich an Hagen: · er verliere Leben und Leib.“ // Da rüsteten die Kühnen sich, · sechzig an der Zahl: // Kriemhild zu Liebe · wollten sie vor den Saal // Und wollten Hagen schlagen, · diesen kühnen Mann, // Dazu den Fiedelspieler; · das ward einmüthig gethan. // Als so gering den Haufen · die Königin ersah, // In grimmem Muthe sprach sie · zu den Helden da: // „Von solchem Unterfangen · rath ich abzustehn: // Ihr dürft in so geringer Zahl · nicht mit Hagen streiten gehn. // „So kühn auch und gewaltig · Der von Tronje sei, // Noch ist bei weitem stärker, · der ihm da sitzet bei, // Volker der Fiedler: · das ist ein übler Mann: // Wohl dürft ihr diesen Helden · nicht zu so wenigen nahn.“ // Als sie die Rede hörten, · rüsteten sich mehr // Vierhundert Recken. · Der Königin hehr // Lag sehr am Herzen · die Rache für ihr Leid. // Da wurde bald den Degen · große Sorge bereit. // Als sie ihr Gesinde · wohlbewaffnet sah, // Zu den schnellen Recken · sprach die Königin da: // „Nun harrt eine Weile: · ihr sollt noch stille stehn. // Ich will unter Krone · hin zu meinen Feinden gehn. // „Hört mich ihm verweisen, · was mir hat gethan // Hagen von Tronje, · Gunthers Unterthan. // Ich weiß ihn so gemuthet, · er läugnets nimmermehr: // So will ich auch nicht fragen, · was ihm geschehe nachher.“ // Da sah der Fiedelspieler, · ein kühner Spielmann, // Die edle Königstochter · von der Stiege nahn, // Die aus dem Hause führte. · Als er das ersah, // Zu seinem Heergesellen · sprach der kühne Volker da: // „Nun schauet, Freund Hagen, · wie sie dorther naht, // Die uns ohne Treue · ins Land geladen hat. // Ich sah mit einer Königin · nie so manchen Mann // Die Schwerter in den Händen · also streitlustig nahn. // „Wißt ihr, Freund Hagen, · daß sie euch abhold sind? // So will ich euch rathen, · daß ihr zu hüten sinnt // Des Lebens und der Ehre; · führwahr, das dünkt mich gut: // Soviel ich mag erkennen, · ist ihnen zornig zu Muth. // „Es sind auch Manche drunter · von Brüsten stark und breit: // Wer seines Lebens hüten will, · der thu es beizeit. // Ich seh sie unter Seide · die festen Panzer tragen. // Was sie damit meinen, · das hör ich Niemanden sagen.“ // Da sprach im Zornmuthe · Hagen der kühne Mann: // „Ich weiß wohl, das wird Alles · wider mich gethan, // Daß sie die lichten Waffen · tragen an der Hand; // Von denen aber reit ich · noch in der Burgunden Land. // „Nun sagt mir, Freund Volker, · denkt ihr mir beizustehn, // Wenn mit mir streiten wollen · Die in Kriemhilds Lehn? // Das laßt mich vernehmen, · so lieb als ich euch sei. // Ich steh euch mit Diensten · immer wieder treulich bei.“ // „Sicherlich, ich helf euch,“ · so sprach da Volker. // „Und säh ich uns entgegen · mit seinem ganzen Heer // Den König Etzel kommen, · all meines Lebens Zeit // Weich ich von eurer Seite · aus Furcht nicht eines Fußes breit.“ // „Nun lohn euch Gott vom Himmel, · viel edler Volker! // Wenn sie mit mir streiten, · wes bedarf ich mehr? // Da ihr mir helfen wollet, · wie ich jetzt vernommen, // So mögen diese Recken · fein behutsam näher kommen.“ // „Stehn wir auf vom Sitze,“ · sprach der Fiedelmann, // „Vor der Königstochter, · so sie nun kommt heran. // Bieten wir die Ehre · der edeln Königin! // Das bringt uns auch beiden · an eignen Ehren Gewinn.“ // „Nein! wenn ihr mich lieb habt,“ · sprach dawider Hagen. // „Es möchten diese Degen · mit dem Wahn sich tragen, // Daß ich aus Furcht es thäte · und dächte wegzugehn: // Von dem Sitze mein ich · vor ihrer Keinem aufzustehn. // „Daß wir es bleiben laßen, · das ziemt uns ganz allein. // Soll ich dem Ehre bieten, · der mir feind will sein? // Nein, ich thu es nimmer, · so lang ich leben soll: // In aller Welt, was kümmr ich · mich um Kriemhildens Groll?“ // Der vermeßne Hagen legte · über die Schenkel hin // Eine lichte Waffe, · aus deren Knaufe schien // Mit hellem Glanz ein Jaspis, · grüner noch als Gras. // Wohl erkannte Kriemhild, · daß Siegfried einst sie besaß. // Als sie das Schwert erkannte, · das schuf ihr große Noth. // Der Griff war von Golde, · der Scheide Borte roth. // Ermahnt war sie des Leides, · zu weinen hub sie an; // Ich glaube, Hagen hatt es · auch eben darum gethan. // Volker der kühne · zog näher an die Bank // Einen starken Fiedelbogen, · mächtig und lang, // Wie ein Schwert geschaffen, · scharf dazu und breit. // So saßen unerschrocken · diese Recken allbereit. // Die kühnen Degen beide · dauchten sich so hehr, // Aus Furcht vor Jemandem · wollten sie nimmermehr // Vom Sitz sich erheben. · Ihnen schritt da vor den Fuß // Die edle Königstochter · und bot unfreundlichen Gruß. // Sie sprach: „Nun sagt, Herr Hagen, · wer hat nach euch gesandt, // Daß ihr zu reiten wagtet · her in dieses Land, // Da ihr doch wohl wustet, · was ihr mir habt gethan? // Wart ihr bei guten Sinnen, · ihr durftets euch nicht unterfahn.“ // „Nach mir gesandt hat Niemand,“ · sprach er entgegen, // „Her zu diesem Lande · lud man drei Degen, // Die heißen meine Herren: · ich steh in ihrem Lehn; // Bei keiner Hofreise · pfleg ich daheim zu bestehn.“ // Sie sprach: „Nun sagt mir ferner, · was thatet ihr das, // Daß ihr es verdientet, · wenn ich euch trage Haß? // Ihr erschlugt Siegfrieden, · meinen lieben Mann, // Den ich bis an mein Ende · nicht gut beweinen kann.“ // „Wozu der Rede weiter?“ · sprach er, „es ist genug: // Ich bin halt der Hagen, · der Siegfrieden schlug, // Den behenden Degen: · wie schwer er das entgalt, // Daß die Frau Kriemhild · die schöne Brunhilde schalt! // „Es wird auch nicht geläugnet, · reiche Königin, // Daß ich an all dem Schaden, · dem schlimmen, schuldig bin. // Nun räch es, wer da wolle, · Weib oder Mann. // Ich müst es wahrlich lügen, · ich hab euch viel zu Leid gethan.“ // Sie sprach: „Da hört ihr, Recken, · wie er die Schuld gesteht // An all meinem Leide: · wie's ihm deshalb ergeht, // Darnach will ich nicht fragen, · ihr Etzeln unterthan.“ // Die übermüthgen Degen · blickten all einander an. // Wär da der Streit erhoben, · so hätte man gesehn, // Wie man den zwei Gesellen · müß Ehre zugestehn: // Das hatten sie in Stürmen · oftmals dargethan. // Was jene sich vermeßen, · das gieng aus Furcht nun nicht an. // Da sprach der Recken Einer: · „Was seht ihr mich an? // Was ich zuvor gelobte, · das wird nun nicht gethan. // Um Niemands Gabe laß ich · Leben gern und Leib. // Uns will hier verleiten · dem König Etzel sein Weib.“ // Da sprach ein Andrer wieder: · „So steht auch mir der Muth. // Wer mir Thürme gäbe · von rothem Golde gut, // Diesen Fiedelspieler · wollt ich nicht bestehn // Der schnellen Blicke wegen, · die ich hab an ihm ersehn. // „Auch kenn ich diesen Hagen · von seiner Jugendzeit: // Drum weiß ich von dem Recken · selber wohl Bescheid. // In zweiundzwanzig Stürmen · hab ich ihn gesehn; // Da ist mancher Frauen · Herzeleid von ihm geschehn. // „Er und Der von Spanien · traten manchen Pfad, // Da sie hier bei Etzeln · thaten manche That // Dem König zu Liebe. · Das ist oft geschehn: // Drum mag man Hagen billig · große Ehre zugestehn. // „Damals war der Recke · an Jahren noch ein Kind, // Da waren schon die Knaben · wie jetzt kaum Greise sind. // Nun kam er zu Sinnen · und ist ein grimmer Mann; // Auch trägt er Balmungen, · den er übel gewann.“ // Damit wars entschieden, · Niemand suchte Streit. // Das war der Königstochter · im Herzen bitter leid. // Die Helden giengen wieder; · wohl scheuten sie den Tod // Von den Helden beiden: · das that ihnen wahrlich Noth. // Wie oft man verzagend · Manches unterläßt, // Wo der Freund beim Freunde · treulich steht und fest! // Und hat er kluge Sinne, · daß er nicht also thut, // Vor Schaden nimmt sich Mancher · durch Besonnenheit in Hut. // Da sprach der kühne Volker: · „Da wir nun selber sahn, // Daß wir hie Feinde finden, · wie man uns kund gethan, // So laß uns zu den Königen · hin zu Hofe gehn, // So darf unsre Herren · mit Kampfe Niemand bestehn.“ // „Gut, ich will euch folgen,“ · sprach Hagen entgegen. // Da giengen hin die Beiden, · wo sie die zieren Degen // Noch harrend des Empfanges · auf dem Hofe sahn. // Volker der kühne · hub da laut zu reden an. // Er sprach zu seinen Herren: · „Wie lange wollt ihr stehn // Und euch drängen laßen? · ihr sollt zu Hofe gehn // Und von dem König hören, · wie der gesonnen sei.“ // Da sah man sich gesellen · der kühnen Helden je zwei. // Dietrich von Berne · nahm da an die Hand // Gunther den reichen · von Burgundenland; // Irnfried nahm Gernoten, · diesen kühnen Mann; // Da gieng mit seinem Schwäher · Geiselher zu Hof heran. // Wie bei diesem Zuge · gesellt war Jeglicher, // Volker und Hagen, · die schieden sich nicht mehr // Als noch in Einem Kampfe · bis an ihren Tod. // Das musten bald beweinen · edle Fraun in großer Noth. // Da sah man mit den Königen · hin zu Hofe ziehn // Ihres edeln Ingesindes · tausend Degen kühn; // Darüber sechzig Recken · waren mitgekommen: // Die hatt aus seinem Lande · der kühne Hagen genommen. // Hawart und Iring, · zwei Degen auserkannt, // Die giengen mit den Königen · zu Hofe Hand in Hand; // Dankwart und Wolfhart, · ein theuerlicher Degen, // Die sah man großer Hofzucht · vor den übrigen pflegen. // Als der Vogt vom Rheine · in den Pallas gieng, // Etzel der reiche · das länger nicht verhieng: // Er sprang von seinem Sitze, · als er ihn kommen sah. // Ein Gruß, ein so recht schöner, · nie mehr von Köngen geschah. // „Willkommen mir, Herr Gunther · und auch Herr Gernot // Und euer Bruder Geiselher, · die ich hieher entbot // Mit Gruß und treuem Dienste · von Worms überrhein, // Und eure Degen alle · sollen mir willkommen sein. // „Laßt euch auch Willkommen, · ihr beiden Recken, sagen, // Volker der kühne · und dazu Herr Hagen, // Mir und meiner Frauen · hier in diesem Land: // Sie hat euch manche Botschaft · hin zum Rheine gesandt.“ // Da sprach von Tronje Hagen: · „Das haben wir vernommen. // Wär ich um meine Herren · gen Heunland nicht gekommen, // So wär ich euch zu Ehren · geritten in das Land.“ // Da nahm der edle König · die lieben Gäste bei der Hand. // Und führte sie zum Sitze · hin, wo er selber saß. // Da schenkte man den Gästen, · fleißig that man das, // In weiten goldnen Schalen · Meth, Moraß und Wein // Und hieß die fremden Degen · höchlich willkommen sein. // Da sprach König Etzel: · „Das muß ich wohl gestehn, // Mir könnt in diesen Zeiten · nichts Lieberes geschehn // Als durch euch, ihr Recken, · daß ihr gekommen seid; // Damit ist auch der Königin · benommen Kummer und Leid. // „Mich nahm immer Wunder, · was ich euch wohl gethan, // Da ich der edeln Gäste · so Manche doch gewann, // Daß ihr nie zu reiten · geruhtet in mein Land; // Nun ich euch hier ersehen hab, · ist mirs zu Freuden gewandt.“ // Da versetzte Rüdiger, · ein Ritter hochgemuth: // „Ihr mögt sie gern empfahen, · ihre Treue die ist gut: // Der wißen meiner Frauen · Brüder schön zu pflegen. // Sie bringen euch zu Hause · manchen waidlichen Degen.“ // Am Sonnewendenabend · waren sie gekommen // An Etzels Hof, des reichen. · Noch selten ward vernommen, // Daß ein König seine Gäste · freundlicher empfieng; // Darnach er zu Tische · wohlgemuth mit ihnen gieng. // Ein Wirth bei seinen Gästen · sich holder nie betrug. // Zu trinken und zu eßen · bot man da genug: // Was sie nur wünschen mochten, · das wurde gern gewährt. // Man hatte von den Helden · viel große Wunder gehört. // Der reiche Etzel hatte · an ein Gebäude weit // Viel Fleiß und Müh gewendet · und Kosten nicht gescheut: // Man sah Pallas und Thürme, · Gemächer ohne Zahl // In einer weiten Veste · und einen herrlichen Saal. // Den hatt er bauen laßen · lang, hoch und weit, // Weil ihn so viel der Recken · heimsuchten jederzeit. // Auch ander Ingesinde, · zwölf reiche Könge hehr // Und viel der werthen Degen · hatt er zu allen Zeiten mehr, // Als je gewann ein König, · von dem ich noch vernahm. // Er lebte so mit Freunden · und Mannen wonnesam: // Gedräng und frohen Zuruf · hatte der König gut // Von manchem schnellen Degen; · drum stand wohl hoch ihm der Muth. // 30. Dreißigstes Abenteuer. // Wie Hagen und Volker Schildwacht standen.