Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

5. Der Winter dauert fort

Am andern Tage kam der Peter gerade zur rechten Zeit in die Schule heruntergefahren. Sein Mittageſſen hatte er in ſeinem Sack mitgebracht, denn da ging es ſo zu: Wenn um Mittag die Kinder im Dörfli nach Hauſe gingen, dann ſetzten ſich die einzelnen Schüler, die weit weg wohnten, auf die Klaſſentiſche, ſtemmten die Füße feſt auf die Bänke und breiteten auf den Knien die mitgebrachten Speiſen aus, um ſo ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um ein Uhr konnten ſie ſich daran vergnügen, dann fing die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal einen ſolchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schluß zum Öhi hinüber und machte ſeinen Beſuch beim Heidi.

Als er heute nach Schulſchluß in die große Stube beim Öhi eintrat, ſchoß das Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es gewartet. „Peter, ich weiß etwas“, rief es ihm entgegen.

„Sag's“, gab er zurück.

„Jetzt mußt du leſen lernen“, lautete die Nachricht.

„Hab's ſchon getan“, war die Antwort.

„Ja, ja, Peter, ſo mein ich nicht“, eiferte jetzt das Heidi. „Ich meine ſo, daß du es nachher kannſt.

„Kann nicht“, bemerkte der Peter.

„Das glaubt dir jetzt kein Menſch mehr und ich auch nicht“, ſagte das Heidi ſehr entſchieden. „Die Großmama in Frankfurt hat ſchon gewußt, daß es nicht wahr iſt, und ſie hat mir geſagt, ich ſoll es nicht glauben.“

Der Peter ſtaunte über dieſe Nachricht.

„Ich will dich ſchon leſen lehren, ich weiß ganz gut, wie“, fuhr das Heidi fort. „Du mußt es jetzt einmal erlernen, und dann mußt du alle Tage der Großmutter ein Lied leſen oder zwei.“

„Das iſt nichts“, brummte der Peter.

Dieſer hartnäckige Widerſtand gegen etwas, das gut und recht war und dem Heidi ſo ſehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit blitzenden Augen ſtellte es ſich jetzt vor den Buben hin und ſagte bedrohlich:

„Dann will ich dir ſchon ſagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen willſt: Deine Mutter hat ſchon zweimal geſagt, du müſſeſt auch nach Frankfurt, daß du allerhand lerneſt, und ich weiß ſchon, wo dort die Buben in die Schule gehen. Beim Ausfahren hat mir die Klara das furchtbar große Haus gezeigt. Aber dort gehen ſie nicht nur, wenn ſie Buben ſind, ſondern immerfort, wenn ſie ſchon ganz große Herren ſind, das habe ich ſelber geſehen. Und dann mußt du nicht meinen, daß nur ein einziger Lehrer da iſt wie bei uns, und ein ſo guter. Da gehen immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein, und alle ſehen ganz ſchwarz aus, wie wenn ſie in die Kirche gingen, und haben ſo hohe ſchwarze Hüte auf den Köpfen“ — und das Heidi gab das Maß von den Hüten an vom Boden auf.

Dem Peter fuhr ein Schauder den Rücken hinauf.

„Und dann mußt du dort hinein unter alle die Herren“, fuhr das Heidi mit Eifer fort, „und wenn es dann an dich kommt, ſo kannſt du gar nicht leſen und machſt noch Fehler beim Buchſtabieren. Dann kannſt du nur ſehen, wie dich die Herren ausſpotten, das iſt dann noch viel ärger als die Tinette, und du ſollteſt nur wiſſen, wie es iſt, wenn dieſe ſpottet.“

„So will ich“, ſagte der Peter halb kläglich, halb ärgerlich.

Im Augenblick war das Heidi beſänftigt. „So, das iſt recht, dann wollen wir gleich anfangen“, ſagte es erfreut, und geſchäftig zog es den Peter an den Tiſch hin und holte das nötige Werkzeug herbei.

In dem großen Paket der Klara hatte ſich auch ein Büchlein befunden, das dem Heidi wohlgefiel, und ſchon geſtern nacht war es ihm in den Sinn gekommen, das könne es gut zu dem Unterricht für den Peter gebrauchen, denn das war ein Abc-Büchlein mit Sprüchen.

Jetzt ſaßen die beiden am Tiſch, die Köpfe über das kleine Buch gebeugt, und die Lehrſtunde konnte beginnen.

Der Peter mußte den erſten Spruch buchſtabieren und dann wieder und dann noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache ſauber und geläufig haben.

Endlich ſagte es: „Du kannſt's immer noch nicht, aber ich will dir ihn jetzt einmal hintereinander leſen; wenn du weißt, wie's heißen muß, kannſt du's dann beſſer zuſammenbuchſtabieren.“ Und das Heidi las:

„Geht heut das A B C noch nicht,
Kommſt morgen du vors Schulgericht.“

„Ich geh nicht“, ſagte der Peter ſtörriſch.

„Wohin?“ fragte das Heidi.

„Vor das Gericht“, war die Antwort.

„So mach, daß du einmal die drei Buchſtaben kennſt, dann mußt du ja nicht gehen“, bewies ihm das Heidi.

Jetzt ſetzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die drei Buchſtaben ſo lange fort, bis das Heidi ſagte:

„Jetzt kannſt du die drei.“

Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den Peter ausgeübt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten für die folgenden Lehrſtunden.

„Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprüche leſen“, fuhr es fort, „dann wirſt du ſehen, was alles noch kommen kann.“

Und es begann ſehr klar und verſtändlich zu leſen:

„D E F G muß fließend ſein,
Sonſt kommt ein Unglück hintendrein.

Vergeſſen H I K,
Das Unglück iſt ſchon da.

Wer am L M noch ſtottern kann,
Zahlt eine Buß und ſchämt ſich dann.

Es gibt etwas, und wüßteſt's du,
Du lernteſt ſchnell N O P Q.

Stehſt du noch an bei R S T,
Kommt etwas nach, das tut dir weh.“

Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war ſo mäuschenſtill, daß es einmal ſehen mußte, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen Schreckniſſe hatten ihm ſo zugeſetzt, daß er kein Glied mehr bewegte und ſchreckensvoll das Heidi anſtarrte.

Das rührte ſogleich ſein mitleidiges Herz, und tröſtend ſagte es: „Du mußt dich nicht fürchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir, und wenn du dann lernſt wie heut, ſo kennſt du allemal zuletzt die Buchſtaben, und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun mußt du alle Tage kommen, nicht ſo, wie du in die Schule gehſt; wenn es ſchon ſchneit, es tut dir ja nichts.“

Der Peter verſprach, ſo zu tun, denn der erſchreckende Eindruck hatte ihn ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er ſeinen Heimweg an.

Der Peter befolgte Heidis Vorſchrift pünktlich, und jeden Abend wurden mit Eifer die folgenden Buchſtaben einſtudiert und der Spruch beherzigt.

Oft ſaß auch der Großvater in der Stube und hörte dem Exerzitium zu, indem er vergnüglich ſein Pfeifchen rauchte, während es öfter in ſeinen Mundwinkeln zuckte, ſo, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine große Heiterkeit übernehmen wollte.

Nach der großen Anſtrengung wurde der Peter dann meiſtens aufgefordert, noch dazubleiben und beim Abendeſſen mitzuhalten, was ihn alsbald für die ausgeſtandene Angſt, die der heutige Spruch mit ſich gebracht hatte, reichlich entſchädigte.

So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erſchien regelmäßig und machte wirklich Fortſchritte mit ſeinen Buchſtaben.

Mit den Sprüchen hatte er aber täglich zu fechten. Man war jetzt beim U angelangt. Als das Heidi den Spruch las:

„Wer noch das U in V verdreht,
Kommt dahin, wo er nicht gern geht“,

da knurrte der Peter: „Ja, wenn ich ginge!“ Aber er lernte doch tüchtig zu, ſo, als ſtehe er unter dem Eindruck, es könnte ihn doch heimlich einer beim Kragen nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht gern ginge.

Am folgenden Abend las das Heidi:

„Iſt dir das W noch nicht bekannt,
Schau nach dem Rütlein an der Wand.“

Da guckte der Peter hin und ſagte höhniſch: „Hat keins.“

„Ja, ja, aber weißt du, was der Großvater im Kaſten hat?“ fragte das Heidi. „Einen Stecken, faſt ſo dick wie mein Arm, und wenn man ihn herausnimmt, ſo kann man nur ſagen: ‚Schau nach dem Stecken an der Wand!‘“

Der Peter kannte den dicken Haſelſtock. Augenblicklich beugte er ſich über ſein W und ſuchte es zu erfaſſen.

Am anderen Tage hieß es:

„Willſt du noch das X vergeſſen,
Kriegſt du heute nix zu eſſen.“

Da ſchaute der Peter forſchend zu dem Schrank hinüber, wo das Brot und der Käſe darinlagen, und ſagte ärgerlich: „Ich habe ja gar nicht geſagt, daß ich das X vergeſſen wolle.“

„Es iſt recht, wenn du das nicht vergeſſen willſt, dann können wir auch gleich noch einen lernen“, ſchlug das Heidi vor, „dann haſt du morgen nur noch einen einzigen Buchſtaben.“

Der Peter war nicht einverſtanden. Aber ſchon las das Heidi:

„Machſt du noch Halt beim Y,
Kommſt du mit Hohn und Spott davon.“

Da ſtiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit den hohen ſchwarzen Hüten auf den Köpfen und Hohn und Spott in den Geſichtern. Augenblicklich warf er ſich auf das Ypſilon und ließ es nicht wieder los, bis er es ſo gut kannte, daß er die Augen zutun konnte und doch noch wußte, wie es ausſah.

Am Tag darauf kam der Peter ſchon ein wenig hoch beim Heidi an, denn da war ja nur noch ein einziger Buchſtabe zu verarbeiten, und als ihm das Heidi gleich den Spruch las:

„Wer zögernd noch beim Z bleibt ſtehn,
Muß zu den Hottentotten gehn!“,

da höhnte der Peter: „Ja, wenn kein Menſch weiß, wo die ſind!“

„Freilich, Peter, das weiß der Großvater ſchon“, verſicherte das Heidi. „Wart nur, ich will ihn geſchwind fragen, wo ſie ſind, er iſt nur beim Herrn Pfarrer drüben.“ Und ſchon war das Heidi aufgeſprungen und wollte zur Tür hinaus.

„Wart“, ſchrie jetzt der Peter in voller Angſt, denn ſchon ſah er in ſeiner Einbildung den Almöhi mitſamt dem Herrn Pfarrer daherkommen und wie ihn die zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten überſenden würden, denn er hatte ja wirklich nicht mehr gewußt, wie das Z hieß. Sein Angſtgeſchrei ließ das Heidi ſtillſtehen.

„Was haſt du denn?“ fragte es verwundert.

„Nichts! Komm zurück! Ich will lernen“, ſtieß der Peter mit Unterbrechungen hervor. Aber das Heidi hätte jetzt ſelbſt gern gewußt, wo die Hottentotten ſeien, und es wollte durchaus den Großvater fragen. Der Peter ſchrie ihm aber ſo verzweifelt nach, daß es nachgab und zurückkam. Nun mußte er aber auch etwas tun dafür. Nicht nur wurde das Z ſo manchmal wiederholt, daß der Buchſtabe für alle Zeit in ſeinem Gedächtnis feſtſitzen mußte, ſondern das Heidi ging gleich noch zum Syllabieren über, und an dem Abend lernte der Peter ſo viel, daß er um einen ganzen Ruck vorwärts kam. So ging es weiter Tag für Tag.

Der Schnee war wieder weich geworden, und darüberhin ſchneite es neuerdings einen Tag um den andern, ſo daß das Heidi wohl drei Wochen lang gar nicht zur Großmutter hinauf konnte. Um ſo eifriger war es in ſeiner Arbeit an dem Peter, daß er es erſetzen könne beim Liederleſen. So kam eines Abends der Peter heim vom Heidi, trat in die Stube ein und ſagte:

„Ich kann's!“

„Was kannſt du, Peterli?“ fragte erwartungsvoll die Mutter.

„Das Leſen“, antwortete er.

„Iſt auch das möglich! Haſt du's gehört, Großmutter?“ rief die Brigitte aus.

Die Großmutter hatte es gehört und mußte ſich auch ſehr verwundern, wie das zugegangen ſei.

„Ich muß jetzt ein Lied leſen, das Heidi hat's geſagt“, berichtete der Peter weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter, und die Großmutter freute ſich, ſie hatte ſo lange kein gutes Wort gehört. Der Peter ſetzte ſich an den Tiſch hin und begann zu leſen. Seine Mutter ſaß aufhorchend neben ihm; nach jedem Verſe mußte ſie mit Bewunderung ſagen: „Wer hätte es auch denken können!“

Auch die Großmutter folgte mit Spannung einem Verſe nach dem andern, ſie ſagte aber nichts dazu.

Am Tage nach dieſem Ereignis traf es ſich, daß in der Schule in Peters Klaſſe eine Leſeübung ſtattfand. Als die Reihe an den Peter kommen ſollte, ſagte der Lehrer:

„Peter, muß man dich wieder übergehen, wie immer, oder willſt du einmal wieder — ich will nicht ſagen leſen, ich will ſagen: verſuchen, an einer Linie herumzuſtottern?“

Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzuſetzen.

Der Lehrer legte ſein Buch weg. Mit ſtummem Erſtaunen blickte er auf den Peter, ſo, als habe er desgleichen noch nie geſehen. Endlich ſprach er: „Peter, an dir iſt ein Wunder geſchehen! Solange ich mit unbeſchreiblicher Geduld an dir gearbeitet habe, warſt du nicht imſtande, auch nur das Buchſtabieren richtig zu erfaſſen. Nun ich, obwohl ungern, die Arbeit an dir als nutzlos aufgegeben habe, geſchieht es, daß du erſcheinſt und haſt nicht nur das Buchſtabieren, ſondern ein ordentliches, ſogar deutliches Leſen erlernt. Woher können zu unſerer Zeit denn noch ſolche Wunder kommen, Peter?“

„Vom Heidi“, antwortete dieſer.

Höchſt verwundert ſchaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz harmlos auf ſeiner Bank ſaß, ſo daß nichts Beſonderes an ihm zu ſehen war. Er fuhr fort:

„Ich habe überhaupt eine Veränderung an dir bemerkt, Peter. Während du früher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in der Schule gefehlt haſt, ſo biſt du in der letzten Zeit nicht einen Tag ausgeblieben. Woher kann eine ſolche Umwandlung zum Guten in dich gekommen ſein?“

„Vom Öhi“, war die Antwort.

Mit immer größerem Erſtaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das Heidi und von dieſem wieder auf den Peter zurück.

„Wir wollen es noch einmal verſuchen“, ſagte er dann behutſam, und noch einmal mußte der Peter an drei Linien ſeine Kenntniſſe erproben. Es war richtig, er hatte leſen gelernt.

Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer hinüber, um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher erfreulichen Weiſe der Öhi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.

Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor. So weit gehorchte er dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die Großmutter forderte ihn aber auch nie dazu auf.

Die Mutter Brigitte mußte ſich noch täglich verwundern, daß der Peter dieſes Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorleſung vorbei war und der Vorleſer in ſeinem Bett lag, mußte ſie wieder zur Großmutter ſagen:

„Man kann ſich doch nicht genug freuen, daß der Peterli das Leſen ſo ſchön erlernt hat. Jetzt kann man gar nicht wiſſen, was noch aus ihm werden kann.“

Da antwortete einmal die Großmutter:

„Ja, es iſt ſo gut für ihn, daß er etwas gelernt hat; aber ich will doch herzlich froh ſein, wenn der liebe Gott nun bald den Frühling ſchickt, daß das Heidi auch wieder heraufkommen kann. Es iſt doch, wie wenn es ganz andere Lieder läſe. Es fehlt ſo manchmal etwas in den Verſen, wenn ſie der Peter lieſt, und ich muß es dann ſuchen, und dann komme ich nicht mehr nach mit den Gedanken, und der Eindruck kommt mir nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte lieſt.“

Das kam aber daher, weil der Peter ſich beim Leſen ein wenig einrichtete, daß er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das gar zu lang war oder ſonſt ſchlimm ausſah, ſo ließ er es lieber ganz aus, denn er dachte, um drei oder vier Worte in einem Verſe werde es der Großmutter wohl gleich ſein, es kommen ja dann noch viele. So kam es, daß es faſt keine Hauptwörter mehr hatte in den Liedern, die der Peter vorlas.