Heidi's Lehr- und Wanderjahre

8. Im Hauſe Seſemann geht's unruhig zu.

Als Sebaſtian am folgenden Morgen dem Herrn Candidaten die Hausthüre geöffnet und ihn zum Studierzimmer geführt hatte, zog ſchon wieder Jemand die Hausglocke an, aber mit ſolcher Gewalt, daß Sebaſtian die Treppe völlig hinunterſchoß, denn er dachte: „So ſchellt nur der Herr Seſemann ſelbſt, er muß unerwartet nach Hauſe gekommen ſein.“ Er riß die Thüre auf — ein zerlumpter Junge mit einer Drehorgel auf dem Rücken ſtand vor ihm.

„Was ſoll das heißen?“ fuhr ihn Sebaſtian an. „Ich will dich lehren, Glocken herunterzureißen! Was haſt du hier zu thun?“

„Ich muß zur Klara“, war die Antwort.

„Du ungewaſchener Straßenkäfer du; kannſt du nicht ſagen Fräulein Klara, wie unſereins thut? Was haſt du bei Fräulein Klara zu thun?“ fragte Sebaſtian barſch.

„Sie iſt mir vierzig Pfennige ſchuldig“, erklärte der Junge.

„Du biſt, denk' ich, nicht recht im Kopf! Wie weißt du überhaupt, daß ein Fräulein Klara hier iſt?“

„Geſtern habe ich ihr den Weg gezeigt, macht zwanzig und dann wieder zurück den Weg gezeigt, macht vierzig.“

„Da ſiehſt du, was für Zeug du zuſammenflunkerſt, Fräulein Klara geht niemals aus, kann gar nicht gehen, mach, daß du dahin kommſt, wo du hin gehörſt', bevor ich dir dazu verhelfe!“

Aber der Junge ließ ſich nicht einſchüchtern; er blieb unbeweglich ſtehn und ſagte trocken: „Ich habe ſie doch geſehen auf der Straße, ich kann ſie beſchreiben: ſie hat kurzes, krauſes Haar, das iſt ſchwarz, und die Augen ſind ſchwarz und der Rock iſt braun, und ſie kann nicht reden wie wir.“

„Oho“, dachte jetzt Sebaſtian und kicherte in ſich hinein, „das iſt die kleine Mamſell, die hat wieder Etwas angeſtellt.“ Dann ſagte er, den Jungen hereinziehend: „'s iſt ſchon recht, komm' mir nur nach und warte vor der Thüre, bis ich wieder herauskomme. Wenn ich dich dann einlaſſe, kannſt du gleich Etwas ſpielen, das Fräulein hört es gern.“

Oben klopfte er am Studierzimmer und wurde hereingerufen.

„Es iſt ein Junge da, der durchaus an Fräulein Klara ſelbſt Etwas zu beſtellen hat“, berichtete Sebaſtian.

Klara war ſehr erfreut über das außergewöhnliche Ereigniß.

„Er ſoll nur gleich hereinkommen“, ſagte ſie, „nicht wahr, Herr Candidat? wenn er doch mit mir ſelbſt ſprechen muß.“

Der Junge war ſchon eingetreten, und nach Anweiſung fing er ſofort ſeine Orgel zu drehen an. Fräulein Rottenmeier hatte, um dem ABC auszuweichen, ſich im Eßzimmer Allerlei zu ſchaffen gemacht. Auf einmal horchte ſie auf. — Kamen die Töne von der Straße her? Aber ſo nahe? Wie konnte vom Studierzimmer her eine Drehorgel ertönen? Und dennoch — wahrhaftig — ſie ſtürzte durch das lange Eßzimmer und riß die Thüre auf. Da — unglaublich — da ſtand mitten im Studierzimmer ein zerlumpter Orgelſpieler und drehte ſein Inſtrument mit größter Emſigkeit. Der Herr Candidat ſchien immerfort Etwas ſagen zu wollen, aber es wurde Nichts vernommen. Klara und Heidi hörten mit ganz erfreuten Geſichtern der Muſik zu.

„Aufhören! Sofort aufhören!“ rief Fräulein Rottenmeier in's Zimmer hinein. Ihre Stimme wurde übertönt von der Muſik. Jetzt lief ſie auf den Jungen zu — aber auf einmal hatte ſie Etwas zwiſchen den Füßen, ſie ſah auf den Boden — ein grauſiges, ſchwarzes Thier kroch ihr zwiſchen den Füßen durch, eine Schildkröte. Jetzt that Fräulein Rottenmeier einen Sprung in die Höhe, wie ſie ſeit vielen Jahren keinen gethan hatte, dann ſchrie ſie aus Leibeskräften: „Sebaſtian! Sebaſtian!“

Plötzlich hielt der Orgelſpieler inne, denn dießmal hatte die Stimme die Muſik übertönt. Sebaſtian ſtand draußen vor der halb offenen Thüre und krümmte ſich vor Lachen, denn er hatte zugeſehen, wie der Sprung vor ſich ging. Endlich kam er herein. Fräulein Rottenmeier war auf einen Stuhl niedergeſunken.

„Fort mit Allem, Menſch und Thier! Schaffen Sie ſie weg, Sebaſtian, ſofort!“ rief ſie ihm entgegen. Sebaſtian gehorchte bereitwillig, zog den Jungen hinaus, der ſchnell ſeine Schildkröte erfaßt hatte, drückte ihm draußen etwas in die Hand und ſagte: „Vierzig für Fräulein Klara, und vierzig für's Spielen, das haſt du gut gemacht“; damit ſchloß er hinter ihm die Hausthüre. Im Studierzimmer war es wieder ruhig geworden; die Studien wurden wieder fortgeſetzt, und Fräulein Rottenmeier hatte ſich nun auch feſtgeſetzt in dem Zimmer, um durch ihre Gegenwart ähnliche Gräuel zu verhüten. Den Vorfall wollte ſie nach den Unterrichtsſtunden unterſuchen und den Schuldigen ſo beſtrafen, daß er daran denken würde.

Schon wieder klopfte es an die Thüre, und herein trat abermals Sebaſtian mit der Nachricht, es ſei ein großer Korb gebracht worden, der ſogleich an Fräulein Klara ſelbſt abzugeben ſei.

„An mich?“ fragte Klara erſtaunt und äußerſt neugierig, was das ſein möchte; „zeigen Sie doch gleich einmal her, wie er ausſieht.“

Sebaſtian brachte einen gedeckten Korb herein und entfernte ſich dann eilig wieder.

„Ich denke, erſt wird der Unterricht beendet, dann der Korb ausgepackt“, bemerkte Fräulein Rottenmeier.

Klara konnte ſich nicht vorſtellen, was man ihr gebracht hatte, ſie ſchaute ſehr verlangend nach dem Korb.

„Herr Candidat“, ſagte ſie, ſich ſelbſt in ihrem Decliniren unterbrechend, „könnte ich nicht nur einmal ſchnell hineinſehen, um zu wiſſen, was drin iſt, und dann gleich wieder fortfahren?“

„In einer Hinſicht könnte man dafür, in einer andern dawider ſein“, entgegnete der Herr Candidat; „dafür ſpräche der Grund, daß, wenn nun Ihre ganze Aufmerkſamkeit auf dieſen Gegenſtand gerichtet iſt“ — die Rede konnte nicht beendigt werden. Der Deckel des Korbes ſaß nur loſe darauf, und nun ſprangen mit einem Mal ein, zwei, drei und wieder zwei und immer noch mehr junge Kätzchen darunter hervor und in's Zimmer hinaus, und mit einer ſo unbegreiflichen Schnelligkeit fuhren ſie überall herum, daß es war, als wäre das ganze Zimmer voll ſolcher Thierchen. Sie ſprangen über die Stiefel des Herrn Candidaten, biſſen an ſeinen Beinkleidern, kletterten am Kleid von Fräulein Rottenmeier empor, krabbelten um ihre Füße herum, ſprangen an Klara's Seſſel hinauf, kratzten, krabbelten, miauten; es war ein arges Gewirre. Klara rief immerfort voller Entzücken: „O die niedlichen Thierchen! die luſtigen Sprünge! ſieh'! ſieh'! Heidi, hier, dort, ſieh' dieſes!“ Heidi ſchoß ihnen vor Freude in alle Winkel nach. Der Herr Candidat ſtand ſehr verlegen am Tiſch und zog bald den einen, bald den andern Fuß in die Höhe, um ihn dem unheimlichen Gekrabbel zu entziehen. Fräulein Rottenmeier ſaß erſt ſprachles vor Entſetzen in ihrem Seſſel, dann fing ſie an aus Leibeskräften zu ſchreien! „Tinette! Tinette! Sebaſtian! Sebaſtian!“ denn vom Seſſel aufzuſtehen konnte ſie unmöglich wagen, da könnten ja mit einem Mal alle die kleinen Scheuſale an ihr emporſpringen.

Endlich kamen Sebaſtian und Tinette auf die wiederholten Hülferufe herbei, und jener packte gleich eins nach dem andern der kleinen Geſchöpfe in den Korb hinein und trug ſie auf den Eſtrich zu dem Katzenlager, das er für die Zweie von geſtern bereitet hatte.

Auch am heutigen Tag hatte kein Gähnen während der Unterrichtsſtunden ſtattgefunden. Am ſpäten Abend, als Fräulein Rottenmeier ſich von den Aufregungen des Morgens wieder hinlänglich erholt hatte, berief ſie Sebaſtian und Tinette in's Studierzimmer herauf, um hier eine gründliche Unterſuchung über die ſtrafwürdigen Vorgänge anzuſtellen. Nun kam es denn heraus, daß Heidi auf ſeinem geſtrigen Ausflug die ſämmtlichen Ereigniſſe vorbereitet und herbeigeführt hatte. Fräulein Rottenmeier ſaß weiß vor Entrüſtung da und konnte erſt keine Worte für ihre Empfindungen finden. Sie winkte mit der Hand, daß Sebaſtian und Tinette ſich entfernen ſollten. Jetzt wandte ſie ſich an Heidi, das neben Klara's Seſſel ſtand und nicht recht begriff, was es verbrochen hatte.

„Adelheid“, begann ſie mit ſtrengem Ton, „ich weiß nur Eine Strafe, die dir empfindlich ſein könnte, denn du biſt eine Barbarin; aber wir wollen ſehen, ob du unten im dunkeln Keller bei Molchen und Ratten nicht zahm wirſt, daß du dir keine ſolchen Dinge mehr einfallen läſſeſt.“

Heidi hörte ſtill und verwundert ſein Urtheil an, denn in einem ſchreckhaften Keller war es noch nie geweſen; der anſtoßende Raum in der Almhütte, den der Großvater Keller nannte, wo immer die fertigen Käſe lagen und die friſche Milch ſtand, war eher ein anmuthiger und einladender Ort, und Ratten und Molche hatte es noch keine geſehen.

Aber Klara erhob einen lauten Jammer: „Nein, nein, Fräulein Rottenmeier, man muß warten, bis der Papa da iſt; er hat ja geſchrieben, er komme nun bald, und dann will ich ihm Alles erzählen, und er ſagt dann ſchon, was mit Heidi geſchehen ſoll.“

Gegen dieſen Oberrichter durfte Fräulein Rottenmeier Nichts einwenden, um ſo weniger, da er wirklich in Bälde zu erwarten war. Sie ſtand auf und ſagte etwas grimmig: „Gut, Klara, gut, aber auch ich werde ein Wort mit Herrn Seſemann ſprechen.“ Damit verließ ſie das Zimmer. —

Es verfloſſen nun ein paar ungeſtörtere Tage, aber Fräulein Rottenmeier kam nicht mehr aus der Aufregung heraus, ſtündlich trat ihr die Täuſchung vor Augen, die ſie in Heidi's Perſönlichkeit erlebt hatte, und es war ihr, als ſei ſeit ſeiner Erſcheinung im Hauſe Seſemann Alles aus den Fugen gekommen und komme nicht wieder hinein. Klara war ſehr vergnügt; ſie langweilte ſich nie mehr, denn in den Unterrichtsſtunden machte Heidi die kurzweiligſten Sachen: die Buchſtaben machte es immer alle durcheinander und konnte ſie nie kennen lernen, und wenn der Herr Candidat mitten im Erklären und Beſchreiben ihrer Formen war, um ſie ihm anſchaulicher zu machen und als Vergleichung etwa von einem Hörnchen oder einem Schnabel ſprach dabei, rief es auf einmal in aller Freude aus: „Es iſt eine Gaiß!“ oder: „Es iſt der Raubvogel!“ Denn die Beſchreibungen weckten in ſeinem Gehirn allerlei Vorſtellungen, nur keine Buchſtaben. In den ſpätern Nachmittagsſtunden ſaß Heidi wieder bei Klara und erzählte ihr immer wieder von der Alm und dem Leben dort, ſo viel und ſo lange, bis das Verlangen darnach in ihm ſo brennend wurde, daß es immer zum Schluß verſicherte: „Nun muß ich gewiß wieder heim! Morgen muß ich gewiß gehen!“ Aber Klara beſchwichtigte immer wieder dieſe Anfälle und bewies Heidi, daß es doch ſicher da bleiben müſſe, bis der Papa komme; dann werde man ſchon ſehen, wie es weiter gehe. Wenn Heidi alsdann immer wieder nachgab und gleich wieder zufrieden war, ſo half ihm eine fröhliche Ausſicht dazu, die es im Stillen hatte, daß mit jedem Tage, den es noch da blieb, ſein Häuflein Brödchen für die Großmutter wieder um zwei größer würde, denn Mittags und Abends lag immer ein ſchönes Weißbrödchen bei ſeinem Teller; das ſteckte es gleich ein, denn es hätte das Brödchen nicht eſſen können beim Gedanken, daß die Großmutter nie eines habe und das harte, ſchwarze Brod faſt nicht mehr eſſen konnte. Nach Tiſch ſaß Heidi jeden Tag ein paar Stunden lang ganz allein in ſeinem Zimmer und regte ſich nicht, denn daß es in Frankfurt verboten war, nur ſo hinauszulaufen, wie es auf der Alm gethan, das hatte es nun begriffen und that es nie mehr. Mit Sebaſtian drüben im Eßzimmer ein Geſpräch führen, durfte es auch nicht, das hatte Fräulein Rottenmeier auch verboten und mit Tinette eine Unterhaltung zu probiren, daran kam ihm kein Sinn, es ging ihr immer ſcheu aus dem Wege, denn ſie redete nur in höhniſchem Ton mit ihm und ſpöttelte es fortwährend an und Heidi verſtand ihre Art ganz gut, und daß ſie es nur immer ausſpottete. So ſaß Heidi täglich da und hatte alle Zeit ſich auszudenken, wie nun die Alm wieder grün war und wie die gelben Blümchen im Sonnenſchein glitzerten und wie Alles leuchtete ringsum in der Sonne, der Schnee und die Berge und das ganze, weite Thal, und Heidi konnte es manchmal faſt nicht mehr aushalten vor Verlangen, wieder dort zu ſein. Die Baſe hatte ja auch geſagt, es könne wieder heimgehen, wann es wolle. So kam es, daß Heidi eines Tages es nicht mehr aushielt; es packte in aller Eile ſeine Brödchen in das große rothe Halstuch zuſammen, ſetzte ſein Strohhütchen auf und zog aus. Aber ſchon unter der Hausthüre traf es auf ein großes Reiſehinderniß, auf Fräulein Rottenmeier ſelbſt, die eben von einem Ausgang zurückkehrte. Sie ſtand ſtill und ſchaute in ſtarrem Erſtaunen Heidi von oben bis unten an, und ihr Blick blieb vorzüglich auf dem gefüllten rothen Halstuch haften. Jetzt brach ſie los.

„Was iſt das für ein Aufzug? Was heißt das überhaupt? Habe ich dir nicht ſtreng verboten, je wieder herumzuſtreichen? Nun probirſt du's doch wieder und dazu noch völlig ausſehend wie eine Landſtreicherin.“

„Ich wollte nicht herumſtreichen, ich wollte nur heimgehen“, entgegnete Heidi ein wenig erſchrocken.

„Wie? Was? Heimgehen? Heimgehen wollteſt du?“ Fräulein Rottenmeier ſchlug die Hände zuſammen vor Aufregung. „Fortlaufen! Wenn das Herr Seſemann wüßte! Fortlaufen aus ſeinem Hauſe! Mach' nicht, daß er das je erfährt! Und was iſt dir denn nicht recht in ſeinem Hauſe? Wirſt du nicht viel beſſer behandelt, als du verdienſt? Fehlt es dir an irgend Etwas? Haſt du je in deinem ganzen Leben eine Wohnung, oder einen Tiſch, oder eine Bedienung gehabt, wie du hier haſt? ſag'!“

„Nein“, entgegnete Heidi.

„Das weiß ich wohl!“ fuhr die Dame eifrig fort, „Nichts fehlt dir, gar Nichts, du biſt ein ganz unglaublich undankbares Ding, und vor lauter Wohlſein weißt du nicht, was du noch Alles anſtellen willſt!“

Aber jetzt kam dem Heidi Alles oben auf, was in ihm war, und brach hervor: „Ich will ja nur heim, und wenn ich ſo lang nicht komme, ſo muß das Schneehöppli immer klagen und die Großmutter erwartet mich, und der Diſtelfink bekommt die Ruthe, wenn der Gaißenpeter keinen Käſe bekommt, und hier kann man gar nie ſehen, wie die Sonne gute Nacht ſagt zu den Bergen, und wenn der Raubvogel in Frankfurt oben über fliegen würde, ſo würde er noch viel lauter krächzen, daß ſo viele Menſchen bei einander ſitzen und einander bös machen und nicht auf den Felſen gehen, wo es Einem wohl iſt.“

„Barmherzigkeit, das Kind iſt übergeſchnappt!“ rief Fräulein Rottenmeier aus und ſtürzte mit Schrecken die Treppe hinauf, wo ſie ſehr unſanft gegen den Sebaſtian rannte, der eben hinunter wollte. „Holen Sie auf der Stelle das unglückliche Weſen herauf“, rief ſie ihm zu, indem ſie ſich den Kopf rieb, denn ſie war hart angeſtoßen.

„Ja, ja, ſchon recht, danke ſchön“, gab Sebaſtian zurück und rieb ſich den ſeinen, denn er war noch harter angefahren.

Heidi ſtand mit flammenden Augen noch auf derſelben Stelle feſt und zitterte vor innerer Erregung am ganzen Körper.

„Na, ſchon wieder was angeſtellt?“ fragte Sebaſtian luſtig; als er aber Heidi, das ſich nicht rührte, recht anſah, klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und ſagte tröſtend: „Bah! bah! das muß ſich das Mamſellchen nicht ſo zu Herzen nehmen, nur luſtig, das iſt die Hauptſache! Sie hat mir eben jetzt auch faſt ein Loch in den Kopf gerannt, aber nur nicht einſchüchtern laſſen! Na? immer noch auf demſelben Fleck? Wir müſſen hinauf, ſie hat's befohlen.“

Heidi ging nun die Treppe hinauf, aber langſam und leiſe und gar nicht wie ſonſt ſeine Art war. Das that dem Sebaſtian leid zu ſehen; er ging hinter dem Heidi her und ſprach ermuthigende Worte zu ihm: „Nur nicht abgeben! Nur nicht traurig werden! Nur immer tapfer drauf zu! Wir haben ja ein ganz vernünftiges Mamſellchen, hat noch gar nie geweint, ſeit es bei uns iſt, ſonſt weinen ſie ja zwölf Mal im Tag in dem Alter, das kennt man. Die Kätzchen ſind auch luſtig droben, die ſpringen auf dem ganzen Eſtrich herum und thun wie närriſch. Nachher gehen wir 'mal zuſammen hinauf und ſchauen ihnen zu, wenn die Dame drinnen wieder weg iſt, ja?“

Heidi nickte ein wenig mit dem Kopf, aber ſo freudlos, daß es dem Sebaſtian recht zu Herzen ging und er ganz theilnehmend dem Heidi nachſchaute, wie es nach ſeinem Zimmer hinſchlich.

Am Abendeſſen heute ſagte Fräulein Rottenmeier kein Wort, aber fortwährend warf ſie ſonderbar wachſame Blicke zu Heidi hinüber, ſo als erwartete ſie, es könnte plötzlich etwas Unerhörtes unternehmen; aber Heidi ſaß mäuschenſtill am Tiſch und rührte ſich nicht, es aß nicht und trank nicht; nur ſein Brödchen hatte es ſchnell in die Taſche geſteckt.

Am folgenden Morgen, als der Herr Candidat die Treppe heraufkam, winkte ihm Fräulein Rottenmeier geheimnißvoll in's Eßzimmer herein, und hier theilte ſie ihm in großer Aufregung ihre Beſorgniß mit, die Luftveränderung, die neue Lebensart und die ungewohnten Eindrücke hätten das Kind um den Verſtand gebracht, und ſie erzählte ihm von Heidi's Fluchtverſuch und wiederholte ihm von ſeinen ſonderbaren Reden, was ſie noch wußte. Aber der Herr Candidat beſänftigte und beruhigte Fräulein Rottenmeier, indem er ſie verſicherte, daß er die Wahrnehmung gemacht habe, die Adelheid ſei zwar einerſeits allerdings eher excentriſch, aber anderſeits doch wieder bei richtigem Verſtand, ſo daß ſich nach und nach bei einer allſeitig erwogenen Behandlung das nöthige Gleichgewicht einſtellen könne, was er im Auge habe; er finde den Umſtand wichtiger, daß er durchaus nicht über das ABC hinauskomme mit ihr, indem ſie die Buchſtaben nicht zu faſſen im Stande ſei.

Fräulein Rottenmeier fühlte ſich beruhigter und entließ den Herrn Candidaten zu ſeiner Arbeit. Am ſpätern Nachmittag ſtieg ihr die Erinnerung an Heidi's Aufzug bei ſeiner vorgehabten Abreiſe auf, und ſie beſchloß, die Gewandung des Kindes durch verſchiedene Kleidungsſtücke der Klara in den nöthigen Stand zu ſetzen, bevor Herr Seſemann erſcheinen würde. Sie theilte ihre Gedanken darüber an Klara mit, und da dieſe mit Allem einverſtanden war und dem Heidi eine Menge Kleider und Tücher und Hüte ſchenken wollte, verfügte ſich die Dame in Heidi's Zimmer, um ſeinen Kleiderſchrank zu beſehen und zu unterſuchen, was da von dem Vorhandenen bleiben und was entfernt werden ſolle. Aber in wenig Minuten kam ſie wieder zurück mit Geberden des Abſcheus: „Was muß ich entdecken, Adelheid“, rief ſie aus, „es iſt nie da geweſen! In deinem Kleiderſchrank, einem Schrank für Kleider, Adelheid, im Fuß dieſes Schrankes, was finde ich? Einen Haufen kleiner Brode! Brod, ſage ich, Klara, im Kleiderſchrank! Und einen ſolchen Haufen aufſpeichern! Tinette“, rief ſie jetzt in's Eßzimmer hinaus, „ſchaffen Sie mir das alte Brod fort aus dem Schrank der Adelheid und den zerdrückten Strohhut auf dem Tiſch.“

„Nein! Nein!“ ſchrie Heidi auf, „ich muß den Hut haben und die Brödchen ſind für die Großmutter“, und Heidi wollte der Tinette nachſtürzen, aber es wurde von Fräulein Rottenmeier feſtgehalten.

„Du bleibſt hier und der Kram wird hingebracht, wo er hin gehört“, ſagte ſie beſtimmt und hielt das Kind zurück. Aber nun warf ſich Heidi an Klara's Seſſel nieder und fing ganz verzweiflungsvoll zu weinen an, immer lauter und ſchmerzlicher und ſchluchzte ein Mal um's andere in ſeinem Jammer auf: „Nun hat die Großmutter keine Brödchen mehr! Sie waren für die Großmutter, nun ſind ſie alle fort und die Großmutter bekommt keine!“ und Heidi weinte auf, als wollte ihm das Herz zerſpringen. Fräulein Rottenmeier lief hinaus. Klara wurde es angſt und bange bei dem Jammer: „Heidi, Heidi, weine nur nicht ſo“, ſagte ſie bittend, „hör' mich nur! Jammere nur nicht ſo, ſieh', ich verſpreche dir, ich gebe dir gerade ſo viele Brödchen für die Großmutter, oder noch mehr, wenn du einmal heimgehſt, und dann ſind dieſe friſch und weich, und die deinen wären ja ganz hart geworden und waren es ſchon. Komm', Heidi, weine nur nicht mehr ſo.“

Heidi konnte noch lange nicht aus ſeinem Schluchzen herauskommen; aber es verſtand Klara's Troſt und hielt ſich daran, ſonſt hätte es gar nicht mehr zu weinen aufhören können. Es mußte auch noch mehrere Male ſeiner Hoffnung gewiß werden und Klara, durch die letzten Anfälle von Schluchzen unterbrochen, fragen: „Gibſt du mir ſo viele, viele, wie ich hatte, für die Großmutter?“

Und Klara verſicherte immer wieder: „Gewiß, ganz gewiß, noch mehr, ſei nur wieder froh!“

Noch zum Abendtiſch kam Heidi mit den rothverweinten Augen, und als es ſein Brödchen erblickte, mußte es gleich noch einmal aufſchluchzen. Aber es bezwang ſich jetzt mit Gewalt, denn es verſtand, daß es ſich am Tiſch ruhig verhalten mußte. Sebaſtian machte heute jedes Mal die merkwürdigſten Geberden, wenn er in Heidi's Nähe kam; er deutete bald auf ſeinen, bald auf Heidi's Kopf, dann nickte er wieder und kniff die Augen zu, ſo als wollte er ſagen: „Nur getroſt! Ich hab's ſchon gemerkt und beſorgt.“

Als Heidi ſpäter in ſein Zimmer kam und in ſein Bett ſteigen wollte, lag ſein zerdrücktes Strohhütchen unter der Decke verſteckt. Mit Entzücken zog es den alten Hut hervor, zerdrückte ihn vor lauter Freude noch ein wenig mehr und verſteckte ihn dann, in ein Taſchentüchlein eingewickelt, in die allerhinterſte Ecke ſeines Schranks. Das Hütchen hatte der Sebaſtian unter die Decke geſteckt; er war zu gleicher Zeit mit Tinette im Eßzimmer geweſen, als dieſe gerufen wurde, und hatte Heidi's Jammerruf vernommen. Dann war er Tinette nachgegangen, und als ſie aus Heidi's Zimmer heraustrat mit ihrer Brodlaſt und dem Hütchen oben drauf, hatte er ſchnell dieſes weggenommen und ihr zugerufen: „Das will ich ſchon fort thun.“ Darauf hatte er es in aller Freude für Heidi gerettet, was er ihm beim Abendeſſen zur Erheiterung andeuten wollte.