Heidi's Lehr- und Wanderjahre

5. Es kommt ein Beſuch und dann noch einer, der mehr Folgen hat.

Schnell war der Winter und noch ſchneller der fröhliche Sommer darauf vergangen, und ein neuer Winter neigte ſich ſchon wieder dem Ende zu. Heidi war glücklich und froh, wie die Vöglein des Himmels und freute ſich jeden Tag mehr auf die herannahenden Frühlingstage, da der warme Föhn durch die Tannen brauſen und den Schnee wegfegen würde und dann die helle Sonne die blauen und gelben Blümlein hervorlocken und die Tage der Weide kommen würden, die für Heidi das Schönſte mit ſich brachten, was es auf Erden geben konnte. Heidi ſtand nun in ſeinem achten Jahre; es hatte vom Großvater allerlei Kunſtgriffe erlernt; mit den Gaißen wußte es ſo gut umzugehen, als nur Einer, und Schwänli und Bärli liefen ihm nach wie treue Hündlein und meckerten gleich laut vor Freude, wenn ſie nur ſeine Stimme hörten. In dieſem Winter hatte Peter ſchon zwei Mal vom Schullehrer im Dörfli den Bericht gebracht, der Alm-Oehi ſollte das Kind, das bei ihm ſei, nun in die Schule ſchicken, es habe ſchon mehr als das Alter und hätte ſchon im letzten Winter kommen ſollen. Der Oehi hatte beide Male dem Schullehrer ſagen laſſen, wenn er Etwas mit ihm wollte, ſo ſei er daheim, das Kind ſchicke er nicht in die Schule. Dieſen Bericht hatte der Peter richtig überbracht.

Als die Märzſonne den Schnee an den Abhängen geſchmolzen hatte und überall die weißen Schneeglöckchen hervorguckten im Thal und auf der Alm die Tannen ihre Schneelaſt abgeſchüttelt hatten und die Aeſte wieder luſtig wehten, da rannte Heidi vor Wonne immer hin und her, von der Hausthür zum Gaißenſtall und von da unter die Tannen und dann wieder hinein zum Großvater, um ihm zu berichten, wie viel größer das Stück grüner Boden unter den Bäumen wieder geworden ſei, und gleich nachher kam es wieder nachzuſehen, denn es konnte es nicht erwarten, daß Alles wieder grün und der ganze ſchöne Sommer mit Grün und Blumen wieder auf die Alm gezogen kam.

Als Heidi ſo am ſonnigen Märzmorgen hin- und herrannte und jetzt wohl zum zehnten Mal über die Thürſchwelle ſprang, wäre es vor Schrecken faſt rückwärts wiederhineingefallen, denn auf einmal ſtand es vor einem ſchwarzen, alten Herrn, der es ganz ernſthaft anblickte. Als er aber ſeinen Schrecken ſah, ſagte er freundlich: „Du mußt nicht erſchrecken vor mir, die Kinder ſind mir lieb. Gib mir die Hand! du wirſt das Heidi ſein; wo iſt der Großvater?“

„Er ſitzt am Tiſch und ſchnitzt runde Löffel von Holz“, erklärte Heidi und machte nun die Thüre wieder auf.

Es war der alte Herr Pfarrer aus dem Dörfli, der den Oehi vor Jahren gut gekannt hatte, als er noch unten wohnte und ſein Nachbar war. Er trat in die Hütte ein, ging auf den Alten zu, der ſich über ſein Schnitzwerk hinbeugte und ſagte: „Guten Morgen, Nachbar.“

Verwundert ſchaute dieſer in die Höhe, ſtand dann auf und entgegnete: „Guten Morgen dem Herrn Pfarrer.“ Dann ſtellte er ſeinen Stuhl vor den Herrn hin und fuhr fort: „Wenn der Herr Pfarrer einen Holzſitz nicht ſcheut, hier iſt einer.“

Der Herr Pfarrer ſetzte ſich. „Ich habe Euch lange nicht geſehen, Nachbar“, ſagte er dann.

„Ich den Herrn Pfarrer auch nicht“, war die Antwort.

„Ich komme heut', um Etwas mit Euch zu beſprechen“, fing der Herr Pfarrer wieder an, „ich denke, ihr könnt ſchon wiſſen, was meine Angelegenheit iſt, worüber ich mich mit Euch verſtändigen und hören will, was Ihr im Sinne habt.“

Der Herr Pfarrer ſchwieg und ſchaute auf Heidi, das an der Thüre ſtand und die neue Erſcheinung aufmerkſam betrachtete.

„Heidi, geh' zu den Gaißen“, ſagte der Großvater. „Kannſt ein wenig Salz mitnehmen und bei ihnen bleiben, bis ich auch komme.“

Heidi verſchwand ſofort.

„Das Kind hätte ſchon vor dem Jahr und noch ſicherer dieſen Winter die Schule beſuchen ſollen“, ſagte nun der Herr Pfarrer; „der Lehrer hat Euch mahnen laſſen, Ihr habt keine Antwort darauf gegeben; was habt Ihr mit dem Kind im Sinn, Nachbar?“

„Ich habe im Sinn, es nicht in die Schule zu ſchicken“, war die Antwort.

Verwundert ſchaute der Herr Pfarrer auf den Alten, der mit gekreuzten Armen auf ſeiner Bank ſaß und gar nicht nachgiebig ausſah.

„Was wollt Ihr aus dem Kinde machen?“ fragte jetzt der Herr Pfarrer.

„Nichts, es wächſt und gedeiht mit den Gaißen und den Vögeln; bei denen iſt es ihm wohl und es lernt nichts Böſes von ihnen.“

„Aber das Kind iſt keine Gaiß und kein Vogel, es iſt ein Menſchenkind. Wenn es nichts Böſes lernt von dieſen ſeinen Kameraden, ſo lernt es auch ſonſt Nichts von ihnen, es ſoll aber Etwas lernen, und die Zeit dazu iſt da. Ich bin gekommen, es Euch zeitig zu ſagen, Nachbar, damit Ihr Euch beſinnen und einrichten könnt den Sommer durch. Dieſes war der letzte Winter, den das Kind ſo ohne allen Unterricht zugebracht hat; nächſten Winter kommt es zur Schule und zwar jeden Tag.“

„Ich thu's nicht, Herr Pfarrer“, ſagte der Alte unentwegt.

„Meint Ihr denn wirklich, es gebe kein Mittel, Euch zur Vernunft zu bringen, wenn Ihr ſo eigenſinnig bei Eurem unvernünftigen Thun beharren wollt?“ ſagte der Herr Pfarrer jetzt ein wenig eifrig. „Ihr ſeid weit in der Welt herumgekommen und habt viel geſehen und Vieles lernen können, ich hätte Euch mehr Einſicht zugetraut, Nachbar.“

„So“, ſagte jetzt der Alte und ſeine Stimme verrieth, daß es auch in ſeinem Innern nicht mehr ſo ganz ruhig war; „und meint denn der Herr Pfarrer, ich werde wirklich im nächſten Winter am eiſigen Morgen durch Sturm und Schnee ein zartgliedriges Kind den Berg hinunterſchicken, zwei Stunden weit und zur Nacht wieder heraufkommen laſſen, wenn's manchmal tobt und thut, daß Unſereiner faſt in Wind und Schnee erſticken müßte und dann ein Kind wie dieſes! Und vielleicht kann ſich der Herr Pfarrer auch noch der Mutter erinnern, der Adelheid; ſie war mondſüchtig und hatte Zufälle, ſoll das Kind auch ſo Etwas holen mit der Anſtrengung? Es ſoll mir Einer kommen und mich zwingen wollen! Ich gehe vor alle Gerichte mit ihm, dann wollen wir ſehen, wer mich zwingt!“

„Ihr habt ganz Recht, Nachbar“, ſagte der Herr Pfarrer mit Freundlichkeit; „es wäre nicht möglich, das Kind von hier aus zur Schule zu ſchicken; aber ich kann ſehen, das Kind iſt Euch lieb, thut um ſeinetwillen Etwas, das Ihr ſchon lange hättet thun ſollen, kommt wieder in's Dörfli herunter und lebt wieder mit den Menſchen. Was iſt das für ein Leben hier oben, allein und verbittert gegen Gott und Menſchen! Wenn Euch einmal Etwas zuſtoßen würde hier oben, wer würde Euch beiſtehen? Ich kann auch gar nicht begreifen, daß Ihr den Winter durch nicht halb erfriert in Eurer Hütte und wie das zarte Kind es nur aushalten kann!“

„Das Kind hat junges Blut und eine gute Decke, das möchte ich dem Herrn Pfarrer ſagen, und dann noch Eins: ich weiß, wo es Holz gibt, und auch wann die gute Zeit iſt, es zu holen, der Herr Pfarrer darf in meinen Schopf hineinſehen, es iſt Etwas drinn, in meiner Hütte geht das Feuer nie aus den Winter durch. Was der Herr Pfarrer mit dem Herunterkommen meint, iſt nicht für mich; die Menſchen da unten verachten mich und ich ſie auch, wir bleiben von einander, ſo iſt's Beiden wohl.“

„Nein, nein, es iſt Euch nicht wohl; ich weiß, was Euch fehlt“, ſagte der Herr Pfarrer mit herzlichem Ton. „Mit der Verachtung der Menſchen dort unten iſt es ſo ſchlimm nicht. Glaubt mir, Nachbar, ſucht Frieden mit Euerm Gott zu machen, bittet um Seine Verzeihung, wo Ihr ſie nöthig habt, und dann kommt und ſeht, wie anders Euch die Menſchen anſehen und wie wohl es Euch noch werden kann.“

Der Herr Pfarrer war aufgeſtanden; er hielt dem Alten die Hand hin und ſagte nochmals mit Herzlichkeit: „Ich zähle darauf, Nachbar, im nächſten Winter ſeid Ihr wieder unten bei uns und wir ſind die alten, guten Nachbarn. Es würde mir große Mühe machen, wenn ein Zwang gegen Euch müßte angewandt werden; gebt mir jetzt die Hand darauf, daß Ihr herunterkommt und wieder unter uns leben wollt, ausgeſöhnt mit Gott und den Menſchen.“

Der Alm-Oehi gab dem Herrn Pfarrer die Hand und ſagte feſt und beſtimmt: „Der Herr Pfarrer meint es recht mit mir; aber was er erwartet, das thu' ich nicht, ich ſag' es ſicher und ohne Wandel: das Kind ſchick' ich nicht, und herunter komm' ich nicht.“

„So helf' Euch Gott!“ ſagte der Herr Pfarrer und ging traurig zur Thür hinaus und den Berg hinunter.

Der Alm-Oehi war verſtimmt. Als Heidi am Nachmittag ſagte: „Jetzt wollen wir zur Großmutter“, erwiderte er kurz: „Heut' nicht.“ Den ganzen Tag ſprach er nicht mehr, und am folgenden Morgen, als Heidi fragte: „Gehen wir heut' zur Großmutter?“ war er noch gleich kurz von Worten wie im Ton und ſagte nur: „Wollen ſehen.“ Aber noch bevor die Schüſſelchen vom Mittageſſen weggeſtellt waren, trat ſchon wieder ein Beſuch zur Thür herein, es war die Baſe Dete. Sie hatte einen ſchönen Hut auf dem Kopf mit einer Feder drauf und ein Kleid, das Alles mitfegte, was am Boden lag, und in der Sennhütte lag da Allerlei, das nicht an ein Kleid gehörte. Der Oehi ſchaute ſie an von oben bis unten und ſagte kein Wort. Aber die Baſe Dete hatte im Sinn, ein ſehr freundliches Geſpräch zu führen, denn ſie fing gleich an zu rühmen und ſagte, das Heidi ſehe ſo gut aus, ſie habe es faſt nicht mehr gekannt und man könne ſchon ſehen, daß es ihm nicht ſchlecht gegangen ſei beim Großvater. Sie habe aber gewiß auch immer darauf gedacht, es ihm wieder abzunehmen, denn ſie habe ja ſchon begreifen können, daß ihm das Kleine im Weg ſein müſſe, aber in jenem Augenblick habe ſie es ja nirgends ſonſt hinthun können; ſeither aber habe ſie Tag und Nacht nachgeſonnen, wo ſie das Kind etwa unterbringen könnte, und deßwegen komme ſie auch heute, denn auf einmal habe ſie Etwas vernommen, da könne das Heidi zu einem ſolchen Glück kommen, daß ſie es gar nicht habe glauben wollen. Dann ſei ſie aber auf der Stelle der Sache nachgegangen, und nun könne ſie ſagen, es ſei Alles ſo gut wie in Richtigkeit, das Heidi komme zu einem Glück, wie unter Hunderttauſenden nicht Eines. Furchtbar reiche Verwandte von ihrer Herrſchaft, die faſt im ſchönſten Haus in ganz Frankfurt wohnen, die haben ein einziges Töchterlein, das müſſe immer im Rollſtuhl ſitzen, denn es ſei auf einer Seite lahm und ſonſt nicht geſund, und ſo ſei es faſt immer allein und müſſe auch allen Unterricht allein nehmen bei einem Lehrer, und das ſei ihm ſo langweilig und auch ſonſt hätte es gern eine Geſpielin im Haus, und da haben ſie ſo davon geredet bei ihrer Herrſchaft, und wenn man nur ſo ein Kind finden könnte, wie die Dame beſchrieb, die in dem Haus die Wirthſchaft führte, denn ihre Herrſchaft habe viel Mitgefühl und möchte dem kranken Töchterlein eine gute Geſpielin gönnen. Die Wirthſchaftsdame hatte nun geſagt, ſie wolle ſo ein recht unverdorbenes, ſo ein eigenartiges, das nicht ſei wie alle, die man ſo alle Tage ſehe. Da habe ſie ſelbſt denn auf der Stelle an das Heidi gedacht und ſei gleich hingelaufen und habe der Dame Alles ſo beſchrieben vom Heidi und ſo von ſeinem Charakter, und die Dame habe ſogleich zugeſagt. Nun könne gar kein Menſch wiſſen, was dem Heidi Alles an Glück und Wohlfahrt bevorſtehe, denn wenn es dann einmal dort ſei und die Leute es gern mögen und es etwa mit dem eignen Töchterchen Etwas geben ſollte, man könne ja nie wiſſen, es ſei doch ſo ſchwächlich, und wenn eben die Leute doch nicht ohne ein Kind bleiben wollten, ſo könnte ja das unerhörteſte Glück —

„Biſt du bald fertig?“ unterbrach hier der Oehi, der bis dahin kein Wort dazwiſchengeredet hatte.

„Pah“, gab die Dete zurück und warf den Kopf auf, „Ihr thut gerade, wie wenn ich Euch das ordinärſte Zeug geſagt hätte und iſt doch durch's ganze Prättigau auf und ab nicht Einer, der nicht Gott im Himmel dankte, wenn ich ihm die Nachricht brächte, die ich Euch gebracht habe.“

„Bring' ſie, wem du willſt, ich will Nichts davon“, ſagte der Oehi trocken.

Aber jetzt fuhr die Dete auf wie eine Rakete und rief: „Ja, wenn Ihr es ſo meint, Oehi, ſo will ich Euch denn ſchon auch ſagen, wie ich es meine: das Kind iſt jetzt acht Jahre alt und kann Nichts und weiß Nichts und Ihr wollt es Nichts lernen laſſen; Ihr wollt es in keine Schule und in keine Kirche ſchicken, das haben ſie mir geſagt unten im Dörfli, und es iſt meiner einzigen Schweſter Kind, ich hab' es zu verantworten, wie's mit ihm geht, und wenn ein Kind ein Glück erlangen kann, wie jetzt das Heidi, ſo kann ihm nur Einer davor ſein, dem es um alle Leute gleich iſt und der Keinem etwas Gutes wünſcht. Aber ich gebe nicht nach, das ſag' ich Euch, und die Leute habe ich alle für mich, es iſt kein Einziger unten im Dörfli, der nicht mir hilft und gegen Euch iſt, und wenn Ihr's etwa wollt vor Gericht kommen laſſen, ſo beſinnt Euch wohl, Oehi, es gibt noch Sachen, die Euch dann könnten aufgewärmt werden, die Ihr nicht gern hörtet, denn wenn man's einmal mit dem Gericht zu thun hat, ſo wird noch Manches aufgeſpürt, an das Keiner mehr denkt.“

„Schweig!“ donnerte der Oehi heraus, und ſeine Augen flammten wie Feuer. „Nimm's und verdirb's! Komm' mir nie mehr vor Augen mit ihm, ich will's nie ſehen mit dem Federnhut auf dem Kopf und Worten im Mund, wie dich heut'!“

Der Oehi ging mit großen Schritten zur Thür hinaus.

„Du haſt den Großvater bös gemacht“, ſagte Heidi und blitzte mit ſeinen ſchwarzen Augen die Baſe wenig freundlich an.

„Er wird ſchon wieder gut, komm' jetzt“, drängte die Baſe, „wo ſind deine Kleider?“

„Ich komme nicht“, ſagte Heidi.

„Was ſagſt du?“ fuhr die Baſe auf; dann änderte ſie den Ton ein wenig und fuhr halb freundlich, halb ärgerlich weiter: „Komm', komm', du verſtehſt's nicht beſſer, du wirſt es ſo gut haben, wie du gar nicht weißt.“ Dann ging ſie an den Schrank, nahm Heidi's Sachen hervor und packte ſie zuſammen: „So, komm' jetzt, nimm dort dein Hütchen, es ſieht nicht ſchön aus, aber es iſt gleich für einmal, ſetz' es auf und mach', daß wir fortkommen.“

„Ich komme nicht“, wiederholte Heidi.

„Sei doch nicht ſo dumm und ſtörrig, wie eine Gaiß, denen haſt du's abgeſehen. Begreif' doch nur, jetzt iſt der Großvater bös, du haſt's ja gehört, daß er geſagt hat, wir ſollen ihm nicht mehr vor Augen kommen, er will es nun haben, daß du mit mir gehſt, und jetzt mußt du ihn nicht noch böſer machen. Du weißt gar nicht, wie ſchön es iſt in Frankfurt und was du Alles ſehen wirſt, und gefällt es dir dann nicht, ſo kannſt du wieder heimgehen; bis dahin iſt der Großvater dann wieder gut.“

„Kann ich grad' wieder umkehren und heimkommen heut' Abend?“ fragte Heidi.

„Ach was, komm' jetzt! Ich ſag' dir's ja, du kannſt wieder heim, wann du willſt. Heut' gehen wir bis nach Mayenfeld hinunter und morgen früh ſitzen wir in der Eiſenbahn, und mit der biſt du nachher im Augenblick wieder daheim, das geht wie geflogen.“

Die Baſe Dete hatte das Bündelchen Kleider auf den Arm und Heidi an die Hand genommen, ſo gingen ſie den Berg hinunter.

Da es noch nicht Weidezeit war, ging der Peter noch zur Schule in's Dörfli hinunter, oder ſollte doch dahin gehen, er machte aber hie und da einen Tag Ferien, denn er dachte, es nütze Nichts dahin zu gehen, das Leſen brauche man auch nicht, und ein wenig herumfahren und große Ruthen ſuchen, nütze Etwas, denn dieſe könne man brauchen. So kam er eben in die Nähe ſeiner Hütte von der Seite her mit ſichtlichem Erfolg ſeiner heutigen Beſtrebungen, denn er trug ein ungeheueres Bündel langer, dicker Haſelruthen auf der Achſel. Er ſtand ſtill und ſtarrte die zwei Entgegenkommenden an, bis ſie bei ihm ankamen; dann ſagte er: „Wo willſt du hin?“

„Ich muß nur geſchwind nach Frankfurt mit der Baſe“, antwortete Heidi, „aber ich will zuerſt noch zur Großmutter hinein, ſie wartet auf mich.“

„Nein, nein, keine Rede, es iſt ſchon viel zu ſpät“, ſagte die Baſe eilig und hielt das fortſtrebende Heidi feſt bei der Hand, „du kannſt dann gehen, wenn du wieder heimkommſt, komm' jetzt!“ Damit zog die Baſe das Heidi feſt weiter und ließ es nicht mehr los, denn ſie fürchtete, es könnte drinnen dem Kinde wieder in den Sinn kommen, es wolle nicht fort, und die Großmutter könnte ihm helfen wollen. Der Peter ſprang in die Hütte hinein und ſchlug mit ſeinem ganzen Bündel Ruthen ſo furchtbar auf den Tiſch los, daß Alles erzitterte und die Großmutter vor Schrecken vom Spinnrad aufſprang und laut aufjammerte. Der Peter hatte ſich Luft machen müſſen.

„Was iſt's denn? was iſt's denn?“ rief angſtvoll die Großmutter, und die Mutter, die am Tiſch geſeſſen hatte und faſt aufgeflogen war bei dem Knall, ſagte in angeborner Langmuth: „Was haſt, Peterli, warum thuſt ſo wüſt?“

„Weil ſie das Heidi mitgenommen hat“, erklärte Peter.

„Wer? Wer? Wohin, Peterli, wohin?“ fragte die Großmutter jetzt mit neuer Angſt; ſie mußte aber ſchnell errathen haben, was vorging, die Tochter hatte ihr ja vor Kurzem berichtet, ſie habe die Dete geſehen zum Alm-Oehi hinaufgehen. Ganz zitternd vor Eile, machte die Großmutter das Fenſter auf und rief flehentlich hinaus: „Dete, Dete, nimm uns das Kind nicht weg! Nimm uns das Heidi nicht!“

Die beiden Laufenden hörten die Stimme, und die Dete mochte wohl ahnen, was ſie rief, denn ſie faßte das Kind noch feſter und lief, was ſie konnte. Heidi widerſtrebte und ſagte: „Die Großmutter hat gerufen, ich will zu ihr.“

Aber das wollte die Baſe gerade nicht und beſchwichtigte das Kind, es ſolle nur ſchnell kommen jetzt, daß ſie nicht noch zu ſpät kommen, ſondern, daß ſie morgen weiter reiſen können, es könne ja dann ſehen, wie es ihm gefallen werde in Frankfurt, daß es gar nie mehr fort wolle dort, und wenn es doch heim wolle, ſo könne es ja gleich gehen und dann erſt noch der Großmutter Etwas mit heimbringen, was ſie freue. Das war eine Ausſicht für Heidi, die ihm gefiel. Es fing an zu laufen ohne Widerſtreben.

„Was kann ich der Großmutter heimbringen?“ fragte es nach einer Weile.

„Etwas Gutes“, ſagte die Baſe, „ſo ſchöne, weiche Weißbrödchen, da wird ſie Freud' haben daran, ſie kann ja doch das harte, ſchwarze Brod faſt nicht mehr eſſen.“

„Ja, ſie gibt es immer wieder dem Peter und ſagt: ,Es iſt mir zu hart'; das habe ich ſelbſt geſehen“, beſtätigte das Heidi. „So wollen wir geſchwind gehen, Baſe Dete; dann kommen wir vielleicht heut' noch nach Frankfurt, daß ich bald wieder da bin mit den Brödchen.“

Heidi fing nun ſo zu rennen an, daß die Baſe mit ihrem Bündel auf dem Arm faſt nicht mehr nachkam. Aber ſie war ſehr froh, daß es ſo raſch ging, denn nun kamen ſie gleich zu den erſten Häuſern vom Dörfli, und da konnte es wieder allerhand Reden und Fragen geben, die das Heidi wieder auf andere Gedanken bringen konnten. So lief ſie ſtracks durch, und das Kind zog dabei noch ſo ſtark an ihrer Hand, daß alle Leute es ſehen konnten, wie ſie um des Kindes willen ſo preſſiren mußte. So rief ſie auf alle die Fragen und Anrufungen, die ihr aus allen Fenſtern und Thüren entgegentönten, nur immer zurück: „Ihr ſeht's ja, ich kann jetzt nicht ſtill ſtehen, das Kind preſſirt und wir haben noch weit.“

„Nimmſt's mit?“ „Läuft's dem Alm-Oehi fort?“ „Es iſt nur ein Wunder, daß es noch am Leben iſt!“ „Und dazu noch ſo rothbackig!“ So tönte es von allen Seiten, und die Dete war froh, daß ſie ohne Verzug durchkam und keinen Beſcheid geben mußte und auch Heidi kein Wort ſagte, ſondern nur immer vorwärts ſtrebte in großem Eifer.

Von dem Tage an machte der Alm-Oehi, wenn er herunterkam und durch's Dörfli ging, ein böſeres Geſicht, als je vorher. Er grüßte keinen Menſchen und ſah mit ſeinem Käſereff auf dem Rücken, mit dem ungeheuern Stock in der Hand und den zuſammengezogenen dicken Brauen ſo drohend aus, daß die Frauen zu den kleinen Kindern ſagten: „Gib Acht! Geh dem Alm-Oehi aus dem Weg, er könnte dir noch Etwas thun!“

Der Alte verkehrte mit keinem Menſchen im Dörfli, er ging nur durch und weit in's Thal hinab, wo er ſeine Käſe verhandelte und ſeine Vorräthe an Brod und Fleiſch einnahm. Wenn er ſo vorbeigegangen war im Dörfli, dann ſtanden hinter ihm die Leute alle in Trüppchen zuſammen, und Jeder wußte etwas Beſonderes, was er am Alm-Oehi geſehen hatte, wie er immer wilder ausſehe und daß er jetzt keinem Menſchen mehr auch nur einen Gruß abnehme, und Alle kamen darin überein, daß es ein großes Glück ſei, daß das Kind habe entweichen können, und man habe auch wohl geſehen, wie es fortgedrängt habe, ſo, als fürchte es, der Alte ſei ſchon hinter ihm drein, um es zurückzuholen. Nur die blinde Großmutter hielt unverrückt zum Alm-Oehi, und wer zu ihr heraufkam, um bei ihr ſpinnen zu laſſen, oder das Geſponnene zu holen, dem erzählte ſie es immer wieder, wie gut und ſorgfältig der Alm-Oehi mit dem Kind geweſen ſei und was er an ihr und der Tochter gethan habe, wie manchen Nachmittag er an ihrem Häuschen herumgeflickt, das ohne ſeine Hülfe gewiß ſchon zuſammengefallen wäre. So kamen denn auch dieſe Berichte in's Dörfli herunter; aber die Meiſten, die ſie vernahmen, ſagten dann, die Großmutter ſei vielleicht zu alt zum Begreifen, ſie werde es wohl nicht recht verſtanden haben, ſie werde wohl auch nicht mehr gut hören, weil ſie Nichts mehr ſehe.

Der Alm-Oehi zeigte ſich jetzt nie mehr bei den Gaißenpeters; es war gut, daß er die Hütte ſo feſt zuſammengenagelt hatte, denn ſie blieb für lange Zeit ganz unberührt. Jetzt begann die blinde Großmutter ihre Tage wieder mit Seufzen, und nicht einer verſtrich, an dem ſie nicht klagend ſagte: „Ach, mit dem Kind iſt alles Gute und alle Freude von uns genommen, und die Tage ſind ſo leer! Wenn ich nur noch einmal das Heidi hören könnte, eh' ich ſterben muß!“