Heidi's Lehr- und Wanderjahre

3. Auf der Weide.

Heidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen aufſchlug, kam ein goldner Schein durch das runde Loch hereingefloſſen auf ſein Lager und auf das Heu daneben, daß Alles golden leuchtete ringsherum. Heidi ſchaute erſtaunt um ſich und wußte durchaus nicht, wo es war. Aber nun hörte es draußen des Großvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm Alles in den Sinn, woher es gekommen war, und daß es nun auf der Alm beim Großvater ſei, nicht mehr bei der alten Urſel, die faſt Nichts mehr hörte und meiſtens fror, ſo daß ſie immer am Küchenfeuer oder am Stubenofen geſeſſen hatte, wo dann auch Heidi hatte verweilen müſſen oder doch ganz in der Nähe, damit die Alte ſehen konnte, wo es war, weil ſie es nicht hören konnte. Da war es dem Heidi manchmal zu eng drinnen, und es wäre lieber hinausgelaufen. So war es ſehr froh, als es in der neuen Behauſung erwachte und ſich erinnerte, wie viel Neues es geſtern geſehen hatte und was es heute wieder Alles ſehen könnte, vor Allem das Schwänli und das Bärli. Heidi ſprang eilig aus ſeinem Bett und hatte in wenig Minuten Alles wieder angelegt, was es geſtern getragen hatte, denn es war ſehr wenig. Nun ſtieg es die Leiter hinunter und ſprang vor die Hütte hinaus. Da ſtand ſchon der Gaißen-Peter mit ſeiner Schaar und der Großvater brachte eben Schwänli und Bärli aus dem Stall herbei, daß ſie ſich der Geſellſchaft anſchlöſſen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Gaißen guten Tag zu ſagen.

„Willſt mit auf die Weide?“ fragte der Großvater. Das war dem Heidi eben recht, es hüpfte hoch auf vor Freuden.

„Aber erſt waſchen und ſauber ſein, ſonſt lacht Einen die Sonne aus, wenn ſie ſo ſchön glänzt da droben und ſieht, daß du ſchwarz biſt; ſieh, dort iſt's für dich gerichtet.“ Der Großvater zeigte auf einen großen Zuber voll Waſſer, der vor der Thür in der Sonne ſtand. Heidi ſprang hin und patſchte und rieb, bis es ganz glänzend war. Unterdeſſen ging der Großvater in die Hütte hinein und rief dem Peter zu: „Komm' hieher, Gaißengeneral, und bring' deinen Haberſack mit!“ Verwundert folgte Peter dem Ruf und ſtreckte ſein Säcklein hin, in dem er ſein mageres Mittageſſen bei ſich trug.

„Mach' auf!“ befahl der Alte und ſteckte nun ein großes Stück Brod und ein ebenſo großes Stück Käſe hinein. Der Peter machte vor Erſtaunen ſeine runden Augen ſo weit auf, als nur möglich, denn die beiden Stücke waren wohl die Hälfte ſo groß wie die zwei, die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte.

„So, nun kommt noch das Schüſſelchen hinein“, fuhr der Oehi fort, „denn das Kind kann nicht trinken wie du, nur ſo von der Gaiß weg, es kennt das nicht. Du melkſt ihm zwei Schüſſelchen voll zu Mittag, denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir, bis du wieder herunterkommſt; gib Acht, daß es nicht über die Felſen hinunterfällt, hörſt du?“

Nun kam Heidi hereingelaufen. „Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen, Großvater?“ fragte es angelegentlich. Es hatte ſich mit dem groben Tuch, das der Großvater neben dem Waſſerzuber aufgehängt hatte, Geſicht, Hals und Arme in ſeinem Schrecken vor der Sonne ſo erſtaunlich gerieben, daß es krebsroth vor dem Großvater ſtand. Er lachte ein wenig.

„Nein, nun hat ſie Nichts zu lachen“, beſtätigte er. „Aber weißt was? Am Abend, wenn du heimkommſt, da gehſt du noch ganz hinein in den Zuber, wie ein Fiſch; denn wenn man geht, wie die Gaißen, da bekommt man ſchwarze Füße. Jetzt könnt ihr ausziehen.“

Nun ging es luſtig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblaſen; dunkelblau ſchaute der Himmel von allen Seiten hernieder, und mitten drauf ſtand die leuchtende Sonne und ſchimmerte auf die grüne Alp, und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und ſchauten ihr fröhlich entgegen. Heidi ſprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Trüppchen feiner, rother Himmelsſchlüſſelchen bei einander, und dort ſchimmerte es ganz blau von den ſchönen Enzianen, und überall lachten und nickten die zartblättrigen, goldenen Cyſtusröschen in der Sonne. Vor Entzücken über all den flimmernden, winkenden Blümchen vergaß Heidi ſogar die Gaißen und auch den Peter. Es ſprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite, denn dort funkelte es roth und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten. Und überall brach Heidi ganze Schaaren von den Blumen und packte ſie in ſein Schürzchen ein, denn es wollte ſie alle mit heim nehmen und in's Heu ſtecken in ſeiner Schlafkammer, daß es dort werde wie hier draußen. So hatte der Peter heut' nach allen Seiten zu gucken und ſeine kugelrunden Augen, die nicht beſonders ſchnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut bewältigen konnte, denn die Gaißen hatten es wie das Heidi, ſie liefen auch dahin und dorthin und er mußte überallhin pfeifen und rufen und ſeine Ruthe ſchwingen, um wieder alle die Verlaufenen zuſammenzutreiben.

„Wo biſt du ſchon wieder, Heidi?“ rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme.

„Da“, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Peter Niemand, denn Heidi ſaß am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen beſät war; da war die ganze Luft umher ſo mit Wohlgeruch erfüllt, daß Heidi noch nie ſo Liebliches eingeathmet hatte. Es ſetzte ſich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein.

„Komm' nach“, rief der Peter wieder. „Du mußt nicht über die Felſen hinunterfallen, der Oehi hat's verboten.“

„Wo ſind die Felſen?“ fragte Heidi zurück, bewegte ſich aber nicht von der Stelle, denn der ſüße Duft ſtrömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen.

„Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm' jetzt! Und oben am höchſten ſitzt der alte Raubvogel und krächzt.“

Das half. Augenblicklich ſprang Heidi in die Höhe und rannte mit ſeiner Schürze voller Blumen dem Peter zu.

„Jetzt haſt genug“, ſagte dieſer, als ſie wieder zuſammen weiter kletterten, „ſonſt bleibſt du immer ſtecken, und wenn du alle nimmſt, hat's morgen keine mehr.“ Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schürze ſchon ſo angefüllt, daß da wenig Platz mehr geweſen wäre, und morgen mußten auch noch da ſein. So zog es nun mit dem Peter weiter und die Gaißen gingen nun auch geregelter, denn ſie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz ſchon von fern und ſtrebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich Halt machte mit ſeinen Gaißen und ſein Quartier für den Tag aufſchlug, lag am Fuße der hohen Felſen, die, erſt noch von Gebüſch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und ſchroff zum Himmel hinaufragen. An der einen Seite der Alp zogen ſich Felſenklüfte weit hinunter und der Großvater hatte Recht, davor zu warnen. Als nun dieſer Punkt der Höhe erreicht war, nahm Peter ſeinen Sack ab und legte ihn ſorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein, denn der Wind kam manchmal in ſtarken Stößen daher gefahren, und den kannte Peter und wollte ſeine koſtbare Habe nicht den Berg hinunterrollen ſehen; dann ſtreckte er ſich lang und breit auf den ſonnigen Weideboden hin, denn er mußte ſich nun von der Anſtrengung des Steigens erholen.

Heidi hatte unterdeſſen ſein Schürzchen losgemacht und ſchön feſt zuſammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantſack in die Vertiefung hineingelegt und nun ſetzte es ſich neben den ausgeſtreckten Peter hin und ſchaute um ſich. Das Thal lag weit unten im vollen Morgenglanz; vor ſich ſah Heidi ein großes, weites Schneefeld ſich erheben hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf, und links davon ſtand eine ungeheuere Felſenmaſſe und zu jeder Seite derſelben ragte ein hoher Felſenthurm kahl und zackig in die Bläue hinauf und ſchaute von dort oben ganz ernſthaft auf das Heidi nieder. Das Kind ſaß mäuschenſtill da und ſchaute ringsum, und weit umher war eine große, tiefe Stille, nur ganz ſanft und leiſe ging der Wind über die zarten, blauen Glockenblümchen und die golden ſtrahlenden Cyſtusröschen, die überall herumſtanden auf ihren dünnen Stengelchen und leiſe und fröhlich hin- und hernickten. Der Peter war entſchlafen nach ſeiner Anſtrengung und die Gaißen kletterten oben an den Büſchen umher. Dem Heidi war es ſo ſchön zu Muth, wie in ſeinem Leben noch nie. Es trank das goldne Sonnenlicht, die friſchen Lüfte, den zarten Blumenduft in ſich ein und begehrte gar Nichts mehr, als ſo da zu bleiben immerzu. So verging eine gute Zeit und Heidi hatte ſo oft und ſo lange zu den hohen Bergſtöcken drüben aufgeſchaut, daß es nun war, als haben ſie alle auch Geſichter bekommen und ſchauten ganz bekannt zu ihm hernieder, ſo wie gute Freunde.

Jetzt hörte Heidi über ſich ein lautes, ſcharfes Geſchrei und Krächzen ertönen, und wie es aufſchaute, kreiſte über ihm ein ſo großer Vogel, wie es nie in ſeinem Leben geſehen hatte, mit weitausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidi's Kopf.

„Peter! Peter! erwach'!“ rief Heidi laut. „Sieh', der Raubvogel iſt da, ſieh'! ſieh'!“

Peter erhob ſich auf den Ruf und ſchaute mit Heidi dem Vogel nach, der ſich nun höher und höher hinaufſchwang in's Himmelblau und endlich über grauen Felſen verſchwand.

„Wo iſt er jetzt hin?“ fragte Heidi, das mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Vogel verfolgt hatte.

„Heim in's Neſt“, war Peter's Antwort.

„Iſt er dort oben daheim? O wie ſchön ſo hoch oben! Warum ſchreit er ſo?“ fragte Heidi weiter.

„Weil er muß“, erklärte Peter.

„Wir wollen doch dort hinaufklettern und ſehen, wo er daheim iſt“, ſchlug Heidi vor.

„O! O! O!“ brach der Peter aus, jeden Ausruf mit verſtärkter Mißbilligung hervorſtoßend, „wenn keine Gaiß mehr dort hinkann und der Oehi geſagt hat, du dürfeſt nicht über die Felſen hinunterfallen.“

Jetzt begann der Peter mit einem Mal ein ſo gewaltiges Pfeifen und Rufen anzuſtimmen, daß Heidi gar nicht wußte, was begegnen ſollte: aber die Gaißen mußten die Töne verſtehen, denn eine nach der andern kam heruntergeſprungen und nun war die ganze Schaar auf der grünen Halde verſammelt, die Einen fortnagend an den würzigen Halmen, die Andern hin- und herrennend und die Dritten ein wenig gegeneinanderſtoßend mit ihren Hörnern zum Zeitvertreib. Heidi war aufgeſprungen und rannte mitten unter den Gaißen umher, denn das war ihm ein neuer, unbeſchreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Thierlein durcheinander ſprangen und ſich luſtig machten, und Heidi ſprang von einem zum andern und machte mit jedem ganz perſönliche Bekanntſchaft, denn jedes war eine ganz beſondere Erſcheinung für ſich und hatte ſeine eignen Manieren. Unterdeſſen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin waren, ſchön auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die großen Stücke auf Heidi's Seite und die kleinen auf die ſeinige hin, denn er wußte genau, wie er ſie erhalten hatte. Dann nahm er das Schüſſelchen und melkte ſchöne, friſche Milch hinein vom Schwänli und ſtellte das Schüſſelchen mitten in's Viereck. Dann rief er Heidi herbei, mußte aber länger rufen, als nach den Gaißen, denn das Kind war ſo in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erluſtigungen ſeiner neuen Spielkameraden, daß es Nichts ſah und Nichts hörte außer dieſen. Aber Peter wußte ſich verſtändlich zu machen, er rief, daß es bis in die Felſen hinauf dröhnte, und nun erſchien Heidi und die gedeckte Tafel ſah ſo einladend aus, daß es darum herumhüpfte vor Wohlgefallen.

„Hör auf zu hopfen, es iſt Zeit zum Eſſen“, ſagte Peter: „jetzt ſitz' und fang' an.“

Heidi ſetzte ſich hin. „Iſt die Milch mein?“ fragte es, nochmals das ſchöne Viereck und den Hauptpunkt in der Mitte mit Wohlgefallen betrachtend.

„Ja“, erwiderte Peter, „und die zwei großen Stücke zum Eſſen ſind auch dein und wenn du ausgetrunken haſt, bekommſt du noch ein Schüſſelchen vom Schwänli und dann komm' ich.“

„Und von wem bekommſt du die Milch?“ wollte Heidi wiſſen.

„Von meiner Gaiß, von der Schnecke. Fang' einmal zu eſſen an“, mahnte Peter wieder. Heidi fing bei ſeiner Milch an, und ſo wie es ſein leeres Schüſſelchen hinſtellte, ſtand Peter auf und holte ein zweites herbei. Dazu brach Heidi ein Stück von ſeinem Brod ab, und das ganze übrige Stück, das immer noch größer war, als Peter's eignes Stück geweſen, das nun ſchon ſammt der Zubehör faſt zu Ende war, reichte es dieſem hinüber mit dem ganzen großen Brocken Käſe und ſagte: „Das kannſt du haben, ich habe nun genug.“

Peter ſchaute das Heidi mit ſprachloſer Verwunderung an, denn noch nie in ſeinem Leben hätte er ſo ſagen und Etwas weggeben können. Er zögerte noch ein wenig, denn er konnte nicht recht glauben, daß es dem Heidi Ernſt ſei; aber dieſes hielt erſt feſt ſeine Stücke hin, und da Peter nicht zugriff, legt' es ſie ihm auf's Knie. Nun ſah er, daß es ernſt gemeint ſei, er erfaßte ſein Geſchenk, nickte in Dank und Zuſtimmung und hielt nun ein ſo reichliches Mittagsmahl, wie noch nie in ſeinem Leben als Gaißbub. Heidi ſchaute derweilen nach den Gaißen aus. „Wie heißen ſie alle, Peter?“ fragte es.

Das wußte dieſer nun ganz genau und konnte es um ſo beſſer in ſeinem Kopf behalten, da er daneben wenig darin aufzubewahren hatte. Er fing alſo an und nannte ohne Anſtoß eine nach der andern, immer je mit dem Finger die betreffende bezeichnend. Heidi hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit der Unterweiſung zu, und es währte gar nicht lange, ſo konnte es ſie alle von einander unterſcheiden und jede bei ihrem Namen nennen, denn es hatte eine jede ihre Beſonderheiten, die Einem gleich im Sinne bleiben mußten, man mußte nur Allem genau zuſehen, und das that Heidi. Da war der große Türk mit den ſtarken Hörnern, der wollte mit dieſen immer gegen alle andern ſtoßen, und die meiſten liefen davon, wenn er kam, und wollten Nichts von dem groben Kameraden wiſſen. Nur der kecke Diſtelfink, das ſchlanke, behende Gaißchen, wich ihm nicht aus, ſondern rannte von ſich aus manchmal drei, vier Mal hinter einander ſo raſch und tüchtig gegen ihn an, daß der große Türk öfters ganz erſtaunt daſtand und nicht mehr angriff, denn der Diſtelfink ſtand ganz kriegsluſtig vor ihm und hatte ſcharfe Hörnchen. Da war das kleine, weiße Schneehöppli, das immer ſo eindringlich und flehentlich meckerte, daß Heidi ſchon mehrmals zu ihm hingelaufen war und es tröſtend beim Kopf genommen hatte. Auch jetzt ſprang das Kind wieder hin, denn die junge, jammernde Stimme hatte eben wieder flehentlich gerufen. Heidi legte ſeinen Arm um den Hals des Gaißleins und fragte ganz theilnehmend: „Was haſt du, Schneehöppli? Warum rufſt du ſo um Hülfe?“ Das Gaißlein ſchmiegte ſich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz ſtill. Peter rief von ſeinem Sitz aus, mit einigen Unterbrechungen, denn er hatte immer noch zu beißen und zu ſchlucken: „Es thut ſo, weil die Alte nicht mehr mitkommt, ſie haben ſie verkauft nach Mayenfeld vorgeſtern, nun kommt ſie nicht mehr auf die Alm.“

„Wer iſt die Alte?“ fragte Heidi zurück.

„Pah, ſeine Mutter“, war die Antwort.

„Wo iſt die Großmutter?“ rief Heidi wieder.

„Hat keine.“

„Und der Großvater?“

„Hat keinen.“

„Du armes Schneehöppli du“, ſagte Heidi und drückte das Thierlein zärtlich an ſich. „Aber jammere jetzt nur nicht mehr ſo, ſiehſt du, ich komme nun jeden Tag mit dir, dann biſt du nicht mehr ſo verlaſſen, und wenn dir Etwas fehlt, kannſt du nur zu mir kommen.“

Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt ſeinen Kopf an Heidi's Schulter und meckerte nicht mehr kläglich. Unterdeſſen hatte Peter ſein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu ſeiner Heerde und zu Heidi heran, das ſchon wieder allerlei Betrachtungen angeſtellt hatte.

Weitaus die zwei ſchönſten und ſauberſten Gaißen der ganzen Schaar waren Schwänli und Bärli, die ſich auch mit einer gewiſſen Vornehmheit betrugen, meiſtens ihre eignen Wege gingen und beſonders dem zudringlichen Türk abweiſend und verächtlich begegneten. Die Thierchen hatten nun wieder begonnen nach den Büſchen hinaufzuklettern, und jedes hatte ſeine eigne Weiſe dabei, die einen leichtfertig über Alles weghüpfend, die andern bedächtlich die guten Kräutlein ſuchend unterwegs, der Türk hie und da ſeine Angriffe probierend. Schwänli und Bärli kletterten hübſch und leicht hinan und fanden oben ſogleich die ſchönſten Büſche, ſtellten ſich geſchickt daran auf und nagten ſie zierlich ab. Heidi ſtand mit den Händen auf dem Rücken und ſchaute dem Allem mit der größten Aufmerkſamkeit zu.

„Peter“, bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden Liegenden, „die ſchönſten von allen ſind das Schwänli und das Bärli.“

„Weiß ſchon“, war die Antwort. „Der Alm-Oehi putzt und wäſcht ſie und giebt ihnen Salz und hat den ſchönſten Stall.“

Aber auf einmal ſprang Peter auf und ſetzte in großen Sprüngen den Gaißen nach, und das Heidi lief hinterdrein, da mußte Etwas begegnet ſein, es konnte da nicht zurückbleiben. Der Peter ſprang durch den Gaißenrudel durch der Seite der Alm zu, wo die Felſen ſchroff und kahl weit hinabſteigen und ein unbeſonnenes Gaißlein, wenn es dorthin ging, leicht hinunterſtürzen und alle Beine brechen konnte. Er hatte geſehen, wie der vorwitzige Diſtelfink nach jener Seite hin gehüpft war, und kam noch gerade recht, denn eben ſprang das Gaißlein dem Rande des Abgrunds zu. Peter wollte es eben packen, da ſtürzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Thierleins erwiſchen und es daran feſthalten. Der Diſtelfink meckerte voller Zorn und Ueberraſchung, daß er ſo am Bein feſtgehalten und am Fortſetzen ſeines fröhlichen Streifzugs gehindert war, und ſtrebte eigenſinnig vorwärts. Der Peter ſchrie nach Heidi, daß es ihm beiſtehe, denn er konnte nicht aufſtehen und riß dem Diſtelfink faſt das Bein aus. Heidi war ſchon da und erkannte gleich die ſchlimme Lage der Beiden. Es riß ſchnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt ſie dem Diſtelfink unter die Naſe und ſagte begütigend: „Komm', komm', Diſtelfink, du mußt auch vernünftig ſein! Sieh', da kannſt du hinabfallen und ein Bein brechen, das thut dir furchtbar weh.“

Das Gaißlein hatte ſich ſchnell umgewandt und dem Heidi vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefreſſen. Derweilen war der Peter auf ſeine Füße gekommen und hatte den Diſtelfink an der Schnur erfaßt, an welcher ſein Glöckchen um den Hals gebunden war, und Heidi erfaßte dieſe von der andern Seite und ſo führten die Beiden den Ausreißer zu der friedlich weidenden Heerde zurück. Als ihn aber Peter hier in Sicherheit hatte, erhob er ſeine Ruthe und wollte ihn zur Strafe tüchtig durchprügeln, und der Diſtelfink wich ſcheu zurück, denn er merkte, was begegnen ſollte. Aber Heidi ſchrie laut auf: „Nein, Peter, nein, du mußt ihn nicht ſchlagen, ſieh', wie er ſich fürchtet.“

„Er verdient's“, ſchnurrte Peter und wollte zuſchlagen. Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüſtet: „Du darfſt ihm Nichts thun, es thut ihm weh, laß ihn los.“

Peter ſchaute erſtaunt auf das gebietende Heidi, deſſen ſchwarze Augen ihn ſo anfunkelten, daß er unwillkürlich ſeine Ruthe niederhielt. „So kann er gehen, wenn du mir morgen wieder von deinem Käſe gibſt“, ſagte dann der Peter nachgebend, denn eine Entſchädigung wollte er haben für den Schrecken.

„Allen kannſt du haben, das ganze Stück morgen und alle Tage, ich brauche ihn gar nicht“, ſagte Heidi zuſtimmend, und Brod gebe ich dir auch ganz viel, wie heute, aber dann darfſt du den Diſtelfink nie, gar nie ſchlagen und auch das Schneehöppli nie und gar keine Gaiß.“

„Es iſt mir gleich“, bemerkte Peter, und das war bei ihm ſo viel als eine Zuſage. Jetzt ließ er den Schuldigen los, und der fröhliche Diſtelfink ſprang in hohen Sprüngen auf und davon in die Heerde hinein.

So war unvermerkt der Tag vergangen, und ſchon war die Sonne im Begriff, weit drüben hinter den Bergen hinabzugehen. Heidi ſaß wieder am Boden und ſchaute ganz ſtill auf die Blauglöckchen und die Cyſtusröschen, die im goldnen Abendſchein leuchteten, und alles Gras wurde wie golden angehaucht und die Felſen droben fingen zu ſchimmern und zu funkeln an, und auf einmal ſprang Heidi auf und ſchrie: „Peter! Peter! es brennt! es brennt! Alle Berge brennen und der große Schnee drüben brennt und der Himmel. O ſieh'! ſieh'! der hohe Felſenberg iſt ganz glühend! O der ſchöne, feurige Schnee! Peter, ſieh' auf, ſieh', das Feuer iſt auch beim Raubvogel! ſieh' doch die Felſen! ſieh' die Tannen! Alles, Alles iſt im Feuer!“

„Es war immer ſo“, ſagte jetzt der Peter gemüthlich und ſchälte an ſeiner Ruthe fort, „aber es iſt kein Feuer.“

„Was iſt es denn?“ rief Heidi und ſprang hierhin und dorthin, daß es überallhin ſehe, denn es konnte gar nicht genug bekommen, ſo ſchön war's auf allen Seiten. „Was iſt es, Peter, was iſt es?“ rief Heidi wieder.

„Es kommt von ſelbſt ſo“, erklärte der Peter.

„O ſieh', ſieh'“, rief Heidi in großer Aufregung, „auf einmal werden ſie roſenroth! Sieh' den mit dem Schnee und den mit den hohen, ſpitzigen Felſen! wie heißen ſie, Peter?“

„Berge heißen nicht“, erwiderte dieſer.

„O wie ſchön, ſieh' den roſenrothen Schnee! O, und an den Felſen oben ſind viele, viele Roſen! O, nun werden ſie grau! O! O! Nun iſt Alles ausgelöſcht! Nun iſt Alles aus, Peter!“ Und Heidi ſetzte ſich auf den Boden und ſah ſo verſtört aus, als ginge wirklich Alles zu Ende.

„Es iſt morgen wieder ſo“, erklärte Peter. „Steh' auf, nun müſſen wir heim.“

Die Gaißen wurden herbeigepfiffen und -gerufen und die Heimfahrt angetreten.

„Iſt's alle Tage wieder ſo, alle Tage, wenn wir auf der Weide ſind?“ fragte Heidi, begierig nach einer bejahenden Verſicherung horchend, als es nun neben dem Peter die Alm hinunterſtieg.

„Meiſtens“, gab dieſer zur Antwort.

„Aber gewiß morgen wieder?“ wollte es noch wiſſen.

„Ja, ja, morgen ſchon!“ verſicherte Peter.

Nun war Heidi wieder froh' und es hatte ſo viele Eindrücke in ſich aufgenommen und ſo viele Dinge gingen ihm im Sinn herum, daß es nun ganz ſtill ſchwieg, bis es bei der Almhütte ankam und unter den Tannen den Großvater ſitzen ſah, wo er auch eine Bank angebracht hatte und am Abend ſeine Gaißen erwartete, die von dieſer Seite herunterkamen. Heidi ſprang gleich auf ihn zu und Schwänli und Bärli hinter ihm drein, denn die Gaißen kannten ihren Herrn und ihren Stall. Der Peter rief dem Heidi nach: „Komm' dann morgen wieder! Gute Nacht!“ Denn es war ihm ſehr daran gelegen, daß das Heidi wiederkomme.

Da rannte das Heidi ſchnell wieder zurück und gab dem Peter die Hand und verſicherte ihn, daß es wieder mitkomme und dann ſprang es mitten in die davonziehende Heerde hinein und faßte noch einmal das Schneehöppli um den Hals und ſagte vertraulich: „Schlaf' wohl, Schneehöppli, und denk' dran, daß ich morgen wiederkomme und daß du nie mehr ſo jämmerlich meckern mußt.“

Das Schneehöppli ſchaute ganz freundlich und dankbar zu Heidi auf und ſprang dann fröhlich der Heerde nach.

Heidi kam unter die Tannen zurück.

„O Großvater, das war ſo ſchön!“ rief es, noch bevor es bei ihm war, das Feuer und die Roſen am Felſen und die blauen und gelben Blumen und ſieh', was ich dir bringe!“ Und damit ſchüttete Heidi ſeinen ganzen Blumenreichthum aus dem gefalteten Schürzchen vor den Großvater hin. Aber wie ſahen die armen Blümchen aus! Heidi erkannte ſie nicht mehr. Es war Alles wie Heu und kein einziges Kelchlein ſtand mehr offen.

„O Großvater, was haben ſie?“ rief Heidi ganz erſchrocken aus, „ſo waren ſie nicht, warum ſehen ſie ſo aus?“

„Die wollen draußen ſtehen in der Sonne und nicht in's Schürzchen hinein“, ſagte der Großvater.

„Dann will ich gar keine mehr mitnehmen. Aber, Großvater, warum hat der Raubvogel ſo gekrächzt?“ fragte Heidi nun angelegentlich.

„Jetzt gehſt du in's Waſſer und ich in den Stall und hole Milch, und nachher kommen wir hinein zuſammen in die Hütte und eſſen zu Nacht, dann ſag' ich dir's.“

So wurde gethan, und wie nun ſpäter Heidi auf ſeinem hohen Stuhl ſaß vor ſeinem Milchſchüſſelchen und der Großvater neben ihm, da kam das Kind gleich wieder mit ſeiner Frage: „Warum krächzt der Raubvogel ſo und ſchreit immer ſo herunter, Großvater?“

„Der höhnt die Leute aus dort unten, daß ſie ſo Viele zuſammenſitzen in den Dörfern und einander bös machen. Da höhnt er hinunter: Würdet Ihr auseinandergehen und jedes ſeinen Weg und auf eine Höhe ſteigen, wie ich, ſo wär's euch wohler!“ Der Großvater ſagte dieſe Worte faſt wild, ſo daß dem Heidi das Gekrächz des Raubvogels dadurch noch eindrücklicher wurde in der Erinnerung.

„Warum haben die Berge keine Namen, Großvater?“ fragte Heidi wieder.

„Die haben Namen“, erwiderte dieſer, „und wenn du mir einen ſo beſchreiben kannſt, daß ich ihn kenne, ſo ſage ich dir, wie es heißt.“

Nun beſchrieb Heidi den Felſenberg mit den zwei hohen Thürmen genau ſo, wie es ihn geſehen hatte, und der Großvater ſagte wohlgefällig: „Recht ſo, den kenn' ich, der heißt Falkniß. Haſt du noch einen geſehen?“

Nun beſchrieb Heidi den Berg mit dem großen Schneefeld, auf dem der ganze Schnee im Feuer geſtanden hatte und dann roſenroth geworden war und dann auf einmal ganz bleich und erloſchen daſtand.

„Den erkenn' ich auch“, ſagte der Großvater, „das iſt der Cäſaplana; ſo hat es dir gefallen auf der Weide?“

Nun erzählte Heidi Alles vom ganzen Tage, wie ſchön es geweſen und beſonders von dem Feuer am Abend, und nun ſollte der Großvater auch ſagen, woher es gekommen war, denn der Peter hatte Nichts davon gewußt.

„Siehſt du“, erklärte der Großvater, „das macht die Sonne, wenn ſie den Bergen gute Nacht ſagt, dann wirft ſie ihnen noch ihre ſchönſten Strahlen zu, daß ſie ſie nicht vergeſſen, bis ſie am Morgen wiederkommt.“

Das gefiel dem Heidi und es konnte faſt nicht erwarten, daß wieder ein Tag komme, da es hinaufkonnte auf die Weide und wieder ſehen, wie die Sonne den Bergen gute Nacht ſagte. Aber erſt mußte es nun ſchlafen gehen, und es ſchlief auch die ganze Nacht herrlich auf ſeinem Heulager und träumte von lauter ſchimmernden Bergen und rothen Roſen darauf und mitten drinn das Schneehöppli in fröhlichen Sprüngen.