Heidi's Lehr- und Wanderjahre

14. Am Sonntag, wenn's läutet.

Heidi ſtand unter den wogenden Tannen und wartete auf den Großvater, der mitgehen und den Koffer vom Dörfli heraufholen wollte, während es bei der Großmutter wäre. Das Kind konnte es faſt nicht erwarten, die Großmutter wiederzuſehen und zu hören, wie ihr die Brödchen geſchmeckt hatten, und doch wurde ihm wieder die Zeit nicht lange, denn es konnte ja nicht genug die heimathlichen Töne von dem Tannenrauſchen über ihm und das Duften und Leuchten der grünen Weiden und der goldenen Blumen darauf eintrinken.

Jetzt trat der Großvater aus der Hütte, ſchaute noch einmal rings um ſich und ſagte dann mit zufriedenem Ton: „So, nun können wir gehen.“

Denn es war Sonnabend heut', und an dem Tage machte der Alm-Oehi Alles ſauber und in Ordnung in der Hütte, im Stall und ringsherum, das war ſeine Gewohnheit, und heut' hatte er den Morgen dazu genommen, um gleich Nachmittags mit Heidi ausziehen zu können, und ſo ſah nun Alles ringsherum gut und zu ſeiner Zufriedenheit aus. Bei der Gaißenpeter-Hütte trennten ſie ſich, und Heidi ſprang herein. Schon hatte die Großmutter ſeinen Schritt gehört und rief ihm liebevoll entgegen: „Kommſt du, Kind? Kommſt du wieder?“

Dann erfaßte ſie Heidi's Hand und hielt ſie ganz feſt, denn immer noch fürchtete ſie, das Kind könnte ihr wieder entriſſen werden. Und nun mußte die Großmutter erzählen, wie die Brödchen geſchmeckt hätten, und ſie ſagte, ſie habe ſich ſo daran erlabt, daß ſie meine, ſie ſei heute viel kräftiger, als lange nicht mehr, und Peter's Mutter fügte hinzu, die Großmutter habe vor lauter Sorge, ſie werde zu bald fertig damit, nur ein einziges Brödchen eſſen wollen, geſtern und heut' zuſammen, und ſie käme gewiß noch ziemlich zu Kräften, wenn ſie ſo acht Tage lang hintereinander jeden Tag eines eſſen wollte. Heidi hörte der Brigitte mit Aufmerkſamkeit zu und blieb jetzt noch eine Zeit lang nachdenklich. Nun hatte es ſeinen Weg gefunden. „Ich weiß ſchon, was ich mache, Großmutter“, ſagte es in freudigem Eifer, „ich ſchreibe der Klara einen Brief und dann ſchickt ſie mir gewiß noch einmal ſo viele Brödchen, wie da ſind, oder zweimal, denn ich hatte ſchon einen großen Haufen ganz gleiche im Kaſten, und als man mir ſie weggenommen hatte, ſagte Klara, ſie gebe mir gerade ſo viele wieder, und das thut ſie ſchon.“

„Ach Gott“, ſagte die Brigitte, „das iſt eine gute Meinung; aber denk', ſie werden auch hart. Wenn man nur hie und da einen übrigen Batzen hätte, der Bäcker unten im Dörfli macht auch ſolche, aber ich vermag kaum das ſchwarze Brod zu bezahlen.“

Jetzt ſchoß ein heller Freudenſtrahl über Heidi's Geſicht: „O ich habe furchtbar viel Geld, Großmutter“, rief es jubelnd aus und hüpfte vor Freuden in die Höhe, „jetzt weiß ich, was ich damit mache! Alle, alle Tage mußt du ein neues Brödchen haben und am Sonntage zwei, und der Peter kann ſie heraufbringen vom Dörfli.“

„Nein, nein, Kind!“ wehrte die Großmutter; „das kann nicht ſein, das Geld haſt du nicht dazu bekommen, du mußt es dem Großvater geben, er ſagt dir dann ſchon, was du damit machen mußt.“

Aber Heidi ließ ſich nicht ſtören in ſeiner Freude, es jauchzte und hüpfte in der Stube herum und rief ein Mal über's andere: „Jetzt kann die Großmutter jeden Tag ein Brödchen eſſen und wird wieder ganz kräftig und — o Großmutter“, rief es mit neuem Jubel, „wenn du dann ſo geſund wirſt, ſo wird es dir gewiß auch wieder hell, es iſt vielleicht nur, weil du ſo ſchwach biſt.“

Die Großmutter ſchwieg ſtill, ſie wollte des Kindes Freude nicht trüben. Bei ſeinem Herumhüpfen fiel dem Heidi auf einmal das alte Liederbuch der Großmutter in die Augen, und es kam ihm ein neuer freudiger Gedanke: „Großmutter, jetzt kann ich auch ganz gut leſen, ſoll ich dir einmal ein Lied leſen aus deinem alten Buch?“

„O ja“, bat die Großmutter freudig überraſcht, „kannſt du das auch wirklich, Kind, kannſt du das?“

Heidi war auf einen Stuhl geklettert und hatte das Buch mit einer dicken Staubwolke heruntergezogen, denn es hatte lange unberührt gelegen da droben; nun wiſchte es Heidi ſauber ab, ſetzte ſich damit auf ſeinen Schemel zur Großmutter hin und fragte, was es nun leſen ſollte.

„Was du willſt, Kind, was du willſt“, und mit geſpannter Erwartung ſaß die Großmutter da und hatte ihr Spinnrad ein wenig von ſich geſchoben.

Heidi blätterte und las leiſe hie und da eine Linie: „Jetzt kommt Etwas von der Sonne, das will ich dir leſen, Großmutter.“ Und Heidi begann und wurde ſelbſt immer eifriger und immer wärmer, während es las:

„Die güldne Sonne
Voll Freud' und Wonne
Bringt unſern Gränzen
Mit ihrem Glänzen
Ein herzerquickendes, liebliches Licht.

Mein Haupt und Glieder
Die lagen darnieder;
Aber nun ſteh' ich,
Bin munter und fröhlich,
Schaue den Himmel mit meinem Geſicht.

Mein Auge ſchauet,
Was Gott gebauet
Zu ſeinen Ehren,
Und uns zu lehren,
Wie ſein Vermögen ſei mächtig und groß.

Und wo die Frommen
Dann ſollen hinkommen,
Wenn ſie mit Frieden
Von hinnen geſchieden
Aus dieſer Erde vergänglichem Schooß.

Alles vergehet,
Gott aber ſtehet
Ohn' alles Wanken,
Seine Gedanken,
Sein Wort und Wille hat ewigen Grund.

Sein Heil und Gnaden,
Die nehmen nicht Schaden,
Heilen im Herzen
Die tödtlichen Schmerzen,
Halten uns zeitlich und ewig geſund.

Kreuz und Elende —
Das nimmt ein Ende,
Nach Meeresbrauſen
Und Windesſauſen
Leuchtet der Sonne erwünſchtes Geſicht.

Freude die Fülle
Und ſelige Stille

Darf ich erwarten
Im himmliſchen Garten,
Dahin ſind meine Gedanken gericht't.“

Die Großmutter ſaß ſtill da mit gefalteten Händen und ein Ausdruck unbeſchreiblicher Freude, ſo wie ihn Heidi nie an ihr geſehen hatte, lag auf ihrem Geſicht, obſchon ihr die Thränen die Wangen herabliefen. Als Heidi ſchwieg, bat ſie mit Verlangen: „O, noch einmal, Heidi, laß es mich noch einmal hören:

„Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende —“

Und das Kind fing noch einmal an und las in eigener Freude und Verlangen:

„Kreuz und Elende —
Das nimmt ein Ende;
Nach Meeresbrauſen
Und Windesſauſen
Leuchtet der Sonne erwünſchtes Geſicht.

Freude die Fülle
Und ſelige Stille
Darf ich erwarten
Im himmliſchen Garten,
Dahin ſind meine Gedanken gericht't.“

„O Heidi, das macht hell! das macht ſo hell im Herzen! O wie haſt du mir wohl gemacht, Heidi!“

Ein Mal um's andere ſagte die Großmutter die Worte der Freude, und Heidi ſtrahlte vor Glück und mußte ſie nur immer anſehen, denn ſo hatte es die Großmutter nie geſehen. Sie hatte gar nicht mehr das alte, trübſelige Geſicht, ſondern ſchaute ſo freudig und dankend auf, als ſähe ſie ſchon mit neuen, hellen Augen in den ſchönen himmliſchen Garten hinein.

Jetzt klopfte es am Fenſter, und Heidi ſah den Großvater draußen, der ihm winkte, mit heimzukommen. Es folgte ſchnell, aber nicht ohne die Großmutter zu verſichern, morgen komme es wieder, und auch wenn es mit Peter auf die Weide gehe, ſo komme es doch im halben Tag zurück, denn daß es der Großmutter wieder hell machen konnte und ſie wieder fröhlich wurde, das war nun für Heidi das allergrößte Glück, das es kannte, noch viel größer, als auf der ſonnigen Weide und bei den Blumen und Gaißen zu ſein. Die Brigitte lief dem Heidi unter die Thür nach mit Rock und Hut, daß es ſeine Habe mitnehme. Den Rock nahm es auf den Arm, denn der Großvater kenne es jetzt ſchon, dachte es bei ſich, aber den Hut wies es hartnäckig zurück, die Brigitte ſolle ihn nur behalten, es ſetze ihn nie, nie mehr auf den Kopf. Heidi war ſo erfüllt von ſeinen Erlebniſſen, daß es gleich dem Großvater Alles erzählen mußte, was ihm das Herz erfreute, daß man die weißen Brödchen auch unten im Dörfli für die Großmutter holen könne, wenn man nur Geld habe, und daß es der Großmutter auf einmal ſo hell und wohl geworden war, und wie Heidi das Alles zu Ende geſchildert hatte, kehrte es wieder zum Erſten zurück und ſagte ganz zuverſichtlich: „Gelt, Großvater, wenn die Großmutter ſchon nicht will, ſo gibſt du mir doch alles Geld in der Rolle, daß ich dem Peter jeden Tag ein Stück geben kann zu einem Brödchen und am Sonntag zwei?“

„Aber das Bett, Heidi“, ſagte der Großvater, „ein rechtes Bett für dich wäre gut, und nachher bleibt ſchon noch für manches Brödchen.“

Aber Heidi ließ dem Großvater keine Ruhe und bewies ihm, daß es auf ſeinem Heubett viel beſſer ſchlafe, als es jemals in ſeinem Kiſſenbett in Frankfurt geſchlafen habe, und bat ſo eindringlich und unabläſſig, daß der Großvater zuletzt ſagte: „Das Geld iſt dein, mach' was dich freut, du kannſt der Großmutter manches Jahr lang Brod holen dafür.“

Heidi jauchzte auf: „O juhe! Nun muß die Großmutter gar nie mehr hartes, ſchwarzes Brod eſſen, und o Großvater! nun iſt doch Alles ſo ſchön, wie noch gar nie ſeit wir leben!“ und Heidi hüpfte hoch auf an der Hand des Großvaters und jauchzte in die Luft hinauf, wie die fröhlichen Vögel des Himmels. Aber auf einmal wurde es ganz ernſthaft und ſagte: „O wenn nun der liebe Gott gleich auf der Stelle gethan hätte, was ich ſo ſtark erbetete, dann wäre doch Alles nicht ſo geworden, ich wäre nur gleich wieder heimgekommen und hätte der Großmutter nur wenige Brödchen gebracht, und hätte ihr nicht leſen können, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte ſchon Alles ausgedacht, ſo viel ſchöner, als ich es wußte; die Großmama hat es mir geſagt und nun iſt Alles ſo gekommen. O wie bin ich froh, daß der liebe Gott nicht nachgab, wie ich ſo bat und jammerte! Aber jetzt will ich immer ſo beten, wie die Großmama ſagte, und dem lieben Gott immer danken, und wenn er Etwas nicht thut, das ich erbeten will, dann will ich gleich denken: es geht gewiß wieder wie in Frankfurt, der liebe Gott denkt gewiß etwas viel Beſſeres aus. Aber wir wollen auch alle Tage beten, gelt Großvater, und wir wollen es nie mehr vergeſſen, damit der liebe Gott uns auch nicht vergißt.“

„Und wenn's Einer doch thäte“, murmelte der Großvater.

„O dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergißt ihn dann auch und läßt ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal ſchlecht geht, und er jammert, ſo hat kein Menſch Mitleid mit ihm, ſondern alle ſagen nur, er iſt ja zuerſt vom lieben Gott weggelaufen, nun läßt ihn der liebe Gott auch gehen, der ihm helfen könnte.“

„Das iſt wahr, Heidi, woher weißt du das?“

„Von der Großmama, ſie hat mir Alles erklärt.“

Der Großvater ging eine Weile ſchweigend weiter. Dann ſagte er, ſeine Gedanken verfolgend, vor ſich hin: „Und wenn's einmal ſo iſt, dann iſt's ſo; zurück kann Keiner, und wen der Herrgott vergeſſen hat, den hat er vergeſſen.“

„O nein, Großvater, zurück kann Einer, das weiß ich auch von der Großmama, und dann geht es ſo wie in der ſchönen Geſchichte in meinem Buch, aber die weißt du nicht; jetzt ſind wir aber gleich daheim, und dann wirſt du ſchon erfahren, wie ſchön die Geſchichte iſt.“

Heidi ſtrebte in ſeinem Eifer raſcher und raſcher die letzte Steigung hinan — und kaum waren ſie oben angelangt, als es des Großvaters Hand losließ und in die Hütte hineinrannte. Der Großvater nahm den Korb von ſeinem Rücken, in den er die Hälfte der Sachen aus dem Koffer hineingeſtoßen hatte, denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre ihm zu ſchwer geweſen. Dann ſetzte er ſich nachdenklich auf die Bank nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, ſein großes Buch unter dem Arm: „O das iſt recht, Großvater, daß du ſchon daſitzeſt“, und mit einem Satz war Heidi an ſeiner Seite und hatte ſchon ſeine Geſchichte aufgeſchlagen, denn die hatte es ſchon ſo oft und immer wieder geleſen, daß das Buch von ſelbſt aufging an dieſer Stelle. Jetzt las Heidi mit großer Theilnahme von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo draußen auf des Vaters Feldern die ſchönen Kühe und Schäflein weideten und er in einem ſchönen Mäntelchen, auf ſeinen Hirtenſtab geſtützt, bei ihnen auf der Weide ſtehen und dem Sonnenuntergang zuſehen konnte, wie es Alles auf dem Bilde zu ſehen war. Aber auf einmal wollte er ſein Hab und Gut für ſich haben und ſein eigener Meiſter ſein und forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verpraßte Alles. Und als er gar Nichts mehr hatte, mußte er hingehen und Knecht ſein bei einem Bauer, der hatte aber nicht ſo ſchöne Thiere, wie auf ſeines Vaters Feldern waren, ſondern nur Schweinlein, dieſe mußte er hüten und er hatte nur noch Fetzen auf ſich und bekam nur von den Träbern, welche die Schweinchen aßen, ein klein wenig. Da dachte er daran, wie er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm geweſen war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, und er mußte weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: „Ich will zu meinem Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm ſagen, ich bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heißen, aber laß mich nur dein Taglöhner bei dir ſein.“ Und wie er von ferne gegen das Haus ſeines Vaters kam, da ſah ihn der Vater und kam herausgelaufen — „was meinſt du jetzt, Großvater?“ unterbrach ſich Heidi in ſeinem Vorleſen; „jetzt meinſt du, der Vater ſei noch böſe und ſage zu ihm: ‚Ich habe dir's ja geſagt!?‘ Jetzt hör' nur, was kommt: ‚Und ſein Vater ſah ihn und es jammerte ihn und lief und fiel ihn um den Hals und küßte ihn und der Sohn ſprach zu ihm: Vater, ich habe geſündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth dein Sohn zu heißen. Aber der Vater ſprach zu ſeinen Knechten: Bringet das beſte Kleid her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an ſeine Hand und Schuhe an die Füße, und bringt das gemäſtete Kalb her und ſchlachtet es und laßt uns eſſen und fröhlich ſein, denn dieſer mein Sohn war todt und iſt wieder lebendig geworden und er war verloren und iſt wieder gefunden worden. Und ſie fingen an fröhlich zu ſein.‘

„Iſt denn das nicht eine ſchöne Geſchichte, Großvater?“ fragte Heidi, als dieſer immer noch ſchweigend da ſaß und es doch erwartet hatte, er werde ſich freuen und verwundern.

„Doch, Heidi, die Geſchichte iſt ſchön“, ſagte der Großvater, aber ſein Geſicht war ſo ernſthaft, daß Heidi ganz ſtille wurde und ſeine Bilder anſah. Leiſe ſchob es noch einmal ſein Buch vor den Großvater hin und ſagte: „Sieh', wie es ihm wohl iſt“, und zeigte mit ſeinem Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im friſchen Kleid neben dem Vater ſteht und wieder zu ihm gehört als ſein Sohn.

Ein paar Stunden ſpäter, als Heidi längſt im tiefen Schlafe lag, ſtieg der Großvater die kleine Leiter hinauf; er ſtellte ſein Lämpchen neben Heidi's Lager hin, ſo daß das Licht auf das ſchlafende Kind fiel. Es lag da mit gefalteten Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht vergeſſen. Auf ſeinem roſigen Geſichtchen lag ein Ausdruck des Friedens und ſeligen Vertrauens, der zu dem Großvater reden mußte, denn lange, lange ſtand er da und rührte ſich nicht und wandte kein Auge von dem ſchlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hände, und halblaut ſagte er mit geſenktem Haupte: „Vater, ich habe geſündigt gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr werth, dein Sohn zu heißen!“ Und ein paar große Thränen rollten dem Alten die Wangen herab.

Wenige Stunden nachher in der erſten Frühe des Tages ſtand der Alm-Oehi vor ſeiner Hütte und ſchaute mit hellen Augen um ſich. Der Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete über Berg und Thal. Einzelne Frühglocken tönten aus den Thälern herauf, und oben in den Tannen ſangen die Vögel fröhlich ihre Morgenlieder.

Jetzt trat der Großvater in die Hütte zurück: „Komm', Heidi!“ rief er auf den Boden hinauf, „die Sonne iſt da! Zieh' ein gutes Röcklein an, wir wollen in die Kirche mit einander!“

Heidi machte nicht lange, das war ein ganz neuer Ruf vom Großvater, dem mußte es ſchnell folgen. In kurzer Zeit kam es heruntergeſprungen in ſeinem ſchmucken Frankfurter Röckchen. Aber voller Erſtaunen blieb Heidi vor ſeinem Großvater ſtehen und ſchaute ihn an: „O Großvater, ſo hab' ich dich nie geſehen“, brach es endlich aus, „und den Rock mit den ſilbernen Knöpfen haſt du noch gar nicht getragen, o du biſt ſo ſchön in deinem ſchönen Sonntagsrock.“

Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und ſagte: „Und du in dem deinen; jetzt komm'.“ Er nahm Heidi's Hand in die ſeine, und ſo wanderten ſie mit einander den Berg hinunter. Von allen Seiten tönten jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller und reicher, je weiter ſie kamen, und Heidi lauſchte mit Entzücken und ſagte: „Hörſt du's, Großvater? Es iſt wie ein großes, großes Feſt.“

Unten im Dörfli waren ſchon alle Leute in der Kirche und fingen eben zu ſingen an, als der Großvater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf der letzten Bank ſich niederſetzte. Aber mitten im Singen ſtieß der zunächſt Sitzende ſeinen Nachbar mit dem Ellbogen an und ſagte: „Haſt du das geſehen? der Alm-Oehi iſt in der Kirche!“

Und der Angeſtoßene ſtieß den Zweiten an und ſo fort, und in kürzeſter Zeit flüſterte es an allen Ecken: „Der Alm- Oehi! Der Alm-Oehi!“ und die Frauen mußten faſt alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die meiſten fielen ein wenig aus der Melodie, ſo daß der Vorſänger die größte Mühe hatte, den Geſang ſchön aufrecht zu erhalten. Aber als dann der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging die Zerſtreutheit ganz vorüber, denn es war ein ſo warmes Loben und Danken in ſeinen Worten, daß alle Zuhörer davon ergriffen wurden und es war, als ſei ihnen Allen eine große Freude widerfahren. Als der Gottesdienſt zu Ende war, trat der Alm-Oehi mit dem Kinde an der Hand heraus und ſchritt dem Pfarrhaus zu, und Alle, die mit ihm heraustraten und die ſchon draußen ſtanden, ſchauten ihm nach, und die Meiſten gingen hinter ihm her, um zu ſehen, ob er wirklich in's Pfarrhaus eintrete, was er that. Dann ſammelten ſie ſich in Gruppen zuſammen und beſprachen in großer Aufregung das Unerhörte, daß der Alm- Oehi in der Kirche erſchienen war, und Alle ſchauten mit Spannung nach der Pfarrhausthür, wie der Oehi wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader, oder im Frieden mit dem Herrn Pfarrer, denn man wußte ja gar nicht, was den Alten heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint ſei. Aber doch war ſchon bei Vielen eine neue Stimmung eingetreten, und Einer ſagte zum Andern: „Es wird wohl mit dem Alm-Oehi nicht ſo bös ſein, wie man thut; man kann ja nur ſehen, wie ſorglich er das Kleine an der Hand hält?“ Und der Andere ſagte: „Das hab' ich ja immer geſagt, und zum Pfarrer hinein gienge er auch nicht, wenn er ſo bodenſchlecht wäre, ſonſt müßte er ſich ja fürchten, man übertreibt auch viel.“ Und der Bäcker ſagte: „Hab' ich das nicht zu allererſt geſagt? Seit wann läuft denn ein kleines Kind, das zu eſſen und zu trinken hat, was es will, und ſonſt alles Gute, aus alle dem weg und heim zu einem Großvater, wenn der bös und wild iſt und es ſich zu fürchten hat vor ihm?“ Und es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-Oehi auf und nahm überhand, denn jetzt nahten ſich auch die Frauen herzu, und dieſe hatten ſo Manches von der Gaißen- Peterin und der Großmutter gehört, das den Alm-Oehi ganz anders darſtellte, als die allgemeine Meinung war und das ihnen jetzt auf einmal glaublich ſchien, daß es mehr und mehr ſo wurde, als warten ſie Alle da, um einen alten Freund zu bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.

Der Alm-Oehi war unterdeſſen an die Thür der Studierſtube getreten und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem Eintretenden entgegen, nicht überraſcht, wie er wohl hätte ſein können, ſondern ſo, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte Erſcheinung in der Kirche mußte ihm nicht entgangen ſein. Er ergriff die Hand des Alten und ſchüttelte ſie wiederholt mit der größten Herzlichkeit, und der Alm-Oehi ſtand ſchweigend da und konnte erſt kein Wort herausbringen, denn auf ſolchen herzlichen Empfang war er nicht vorbereitet. Jetzt faßte er ſich und ſagte: „Ich komme, um den Herrn Pfarrer zu bitten, daß er mir die Worte vergeſſen möchte, die ich zu ihm auf der Alm geredet habe, und daß er mir nicht nachtragen wolle, wenn ich widerſpenſtig war gegen ſeinen wohlmeinenden Rath. Der Herr Pfarrer hat ja in Allem Recht gehabt und ich war im Unrecht, aber ich will jetzt ſeinem Rathe folgen und auf den Winter wieder ein Quartier im Dörfli beziehen, denn die harte Jahreszeit iſt Nichts für das Kind dort oben, es iſt zu zart, und wenn dann auch die Leute hier unten mich von der Seite anſehen, ſo wie Einen, dem nicht zu trauen iſt, ſo habe ich es nicht beſſer verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja nicht thun.“

Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor Freude. Er nahm noch einmal des Alten Hand und drückte ſie in der ſeinen und ſagte mit Rührung: „Nachbar, Ihr ſeid in der rechten Kirche geweſen, noch eh' Ihr in die meinige herunterkamt; deß freu' ich mich, und daß Ihr wieder zu uns kommen und mit uns leben wollt, ſoll Euch nicht gereuen, bei mir ſollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar allezeit willkommen ſein, und ich gedenke manches Winterabendſtündchen fröhlich mit Euch zu verbringen, denn Eure Geſellſchaft iſt mir lieb und werth und für das Kleine wollen wir auch gute Freunde finden.“ Und der Herr Pfarrer legte ſehr freundlich ſeine Hand auf Heidi's Krauskopf und nahm es bei der Hand und führte es hinaus, indem er den Großvater fort begleitete, und erſt draußen vor der Hausthür nahm er Abſchied, und nun konnten alle die herumſtehenden Leute ſehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Oehi die Hand immer noch einmal ſchüttelte, gerade als wäre das ſein beſter Freund, von dem er ſich faſt nicht trennen könnte. Kaum hatte dann auch die Thüre ſich hinter dem Herrn Pfarrer geſchloſſen, ſo drängte die ganze Verſammlung dem Alm-Oehi entgegen, und Jeder wollte der Erſte ſein, und ſo viele Hände wurden miteinander dem Herankommenden entgegengeſtreckt, daß er gar nicht wußte, welche zuerſt ergreifen, und Einer rief ihm zu: „Das freut mich! das freut mich, Oehi, daß Ihr auch wieder einmal zu uns kommt!“ und ein Anderer: „Ich hätte auch ſchon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch geredet, Oehi!“ Und ſo tönte und drängte es von allen Seiten, und wie nun der Oehi auf alle die freundlichen Begrüßungen erwiderte, er gedenke, ſein altes Quartier im Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten Bekannten zu verleben, da gab es erſt einen rechten Lärm, und es war gerade ſo, wie wenn der Alm-Oehi die beliebteſte Perſönlichkeit im ganzen Dörfli wäre, die Jeder mit Nachtheil entbehrt hatte. Noch weit an die Alm hinauf wurden Großvater und Kind von den Meiſten begleitet, und beim Abſchied wollte Jeder die Verſicherung haben, daß der Alm- Oehi bald einmal bei ihm vorſpreche, wenn er wieder herunterkomme; und wie nun die Leute den Berg hinab zurückkehrten, blieb der Alte ſtehn und ſchaute ihnen lange nach, und auf ſeinem Geſichte lag ein ſo warmes Licht, als ſchiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi ſchaute unverwandt zu ihm auf und ſagte ganz erfreut: „Großvater, heut' wirſt du immer ſchöner, ſo warſt du noch gar nie.“

„Meinſt du“, lächelte der „Ja, und ſiehſt du, Heidi, mir geht's auch heut' über Verſtehen und Verdienen gut, und mit Gott und Menſchen im Frieden ſtehn, das macht Einem ſo wohl! Der liebe Gott hat's gut mit mir gemeint, daß er dich auf die Alm ſchickte.“

Bei der Gaißenpeter-Hütte angekommen, machte der Großvater gleich die Thür auf und trat ein. „Grüß' Gott, Großmutter“, rief er hinein, „ich denke, wir müſſen einmal wieder an's Flicken gehn, bevor der Herbſtwind kommt.“

„Du mein Gott, das iſt der Oehi!“ rief die Großmutter voll freudiger Ueberraſchung aus; „daß ich das noch erlebe! daß ich Euch noch einmal danken kann für Alles, das Ihr für uns gethan habt, Oehi! Vergelt's Gott! Vergelt's Gott!“

Und mit zitternder Freude ſtreckte die alte Großmutter ihre Hand aus, und als der Angeredete ſie herzlich ſchüttelte, fuhr ſie fort, indem ſie die ſeinige feſthielt: „Und eine Bitte hab' ich auch noch auf dem Herzen, Oehi: Wenn ich Euch je Etwas zu Leid gethan habe, ſo ſtraft mich nicht damit, daß Ihr noch einmal das Heidi fortlaßt, bevor ich unten bei der Kirche liege. O Ihr wißt nicht, was mir das Kind iſt!“ und ſie hielt es feſt an ſich, denn Heidi hatte ſich ſchon an ſie geſchmiegt.

„Keine Sorge, Großmutter“, beruhigte der Oehi, „damit will ich weder Euch noch mich ſtrafen, jetzt bleiben wir Alle bei einander und will's Gott noch lange ſo.“

Jetzt zog die Brigitte den Oehi ein wenig geheimnißvoll in eine Ecke hinein und zeigte ihm das ſchöne Federhütchen, und erzählte ihm, wie es ſich damit verhalte, und daß ſie ja natürlich ſo Etwas einem Kinde nicht abnehme.

Aber der Großvater ſah ganz wohlgefällig auf ſein Heidi hin und ſagte: „Der Hut iſt ſein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf thun will, ſo hat es recht, und hat es ihn dir gegeben, ſo nimm ihn nur.“

Die Brigitte war höchlich erfreut über das unerwartete Urtheil. „Er iſt gewiß mehr als zehn Franken werth, ſeht nur!“ und in ihrer Freude ſtreckte ſie das Hütchen hoch auf. „Was aber auch dieſes Heidi für einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe ſchon manchmal denken müſſen, ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach Frankfurt ſchicken ſolle; was meint Ihr, Oehi?“

Dem Oehi ſchoß es ganz luſtig aus den Augen. Er meinte, es könnte dem Peterli Nichts ſchaden; aber er würde doch eine gute Gelegenheit dazu abwarten.

Jetzt fuhr der Beſprochene eben zur Thür herein, nachdem er zuerſt mit dem Kopf ſo feſt dagegen gerannt war, daß Alles erklirrte davon; er mußte preſſirt ſein. Athemlos und keuchend ſtand er nun mitten in der Stube ſtill und ſtreckte einen Brief aus. Das war auch ein Ereigniß, das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit einer Aufſchrift an das Heidi, den man ihm auf der Poſt im Dörfli übergeben hatte. Jetzt ſetzten ſich Alle voller Erwartung um den Tiſch herum und Heidi machte ſeinen Brief auf und las ihn laut und ohne Anſtoß vor. Der Brief war von der Klara Seſemann geſchrieben. Sie erzählte Heidi, daß es ſeit ſeiner Abreiſe ſo langweilig geworden ſei in ihrem Hauſe, daß ſie es nicht lang hintereinander ſo aushalten könne und ſo lange den Vater gebeten habe, bis er die Reiſe in's Bad Ragatz ſchon auf den kommenden Herbſt feſtgeſtellt habe, und die Großmama wollte auch mitkommen, denn ſie wollte auch das Heidi und den Großvater beſuchen auf der Alm. Und weiter ließ die Großmama noch dem Heidi ſagen, es habe recht gethan, daß es der alten Großmutter die Brödchen habe mitbringen wollen, und damit ſie dieſe nicht trocken eſſen müſſe, komme gleich der Kaffee noch dazu, er ſei ſchon auf der Reiſe und wenn ſie ſelbſt nach der Alm komme, ſo müſſe das Heidi ſie auch zur Großmutter führen.

Da gab es nun eine ſolche Freude und Verwunderung über dieſe Nachrichten, und ſo viel zu reden und zu fragen, da die große Erwartung Alle gleich betraf, daß ſelbſt der Großvater nicht bemerkte, wie ſpät es ſchon war, und ſo vergnügt und fröhlich waren ſie Alle in der Ausſicht auf die kommenden Tage und faſt noch mehr in der Freude über das Zuſammenſein an dem heutigen, daß die Großmutter zuletzt ſagte: „Das Schönſte iſt doch, wenn ſo ein alter Freund kommt und uns wieder die Hand gibt, ſo wie vor langer Zeit; das gibt ſo ein tröſtliches Gefühl in's Herz, daß wir einmal Alles wiederfinden, was uns lieb iſt. Ihr kommt doch bald wieder, Oehi, und das Kind morgen ſchon?“

Das wurde der Großmutter in die Hand hinein verſprochen; nun aber war es Zeit zum Aufbruch, und der Großvater wanderte mit Heidi die Alm hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von Nah und Fern ſie heruntergerufen hatten, ſo begleitete nun aus dem Thale herauf das friedliche Geläut der Abendglocken ſie bis hinauf zur ſonnigen Almhütte, die ganz ſonntäglich im Abendſchimmer ihnen entgegenglänzte.

Wenn aber die Großmama kommt im Herbſt, dann gibt es gewiß noch manche neue Freude und Ueberraſchung für das Heidi wie für die Großmutter, und ſicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den Heuboden hinauf, denn wo die Großmama hintritt, da kommen alle Dinge bald in die erwünſchte Ordnung und Richtigkeit, nach außen wie nach innen.