Caspar Hauser
oder
Die Trägheit des Herzens

27. Aenigma sui temporis

Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte, daß er im Korridor vor der unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem anscheinend sehr vornehmen Mann, der groß und schlank war, einen schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige Minuten Gehör zu schenken.

Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches und etwas sehr Achtungsvolles.

Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und achtungsvollen Weise: „Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat! Prinz, mein Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.“

Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.

Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz stillsteht.

„Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme, Sie zu holen,“ fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger respekterfüllt. „Ich vermute, daß Sie seit langem darauf vorbereitet sind. Doch müssen wir auf der Hut sein. Wir haben große Hindernisse zu scheuen. Sie müssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?“

Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich, ja märchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen des Fremden sichtbar waren.

„Ihr Schweigen ist für mich beredt,“ sagte der Fremde mit einer schnellen Verbeugung. „Der Plan ist der: Sie finden sich morgen nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee, wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem bereitstehenden Wagen führen. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden standesgemäße Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze, die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie sich umkleiden. Ich bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, daß ich zu meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.“

Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig, als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.

„Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?“ fragte der Fremde.

Er mußte die Frage wiederholen. Da nickte Caspar — ernsthaft, schwer, und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.

„Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden, mein Prinz?“

Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von Verschlafenheit hatte.

Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.

Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.

War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen wie kaltes Wasser?

Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt.

Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich rannen die Schauder über den Nacken herab.

Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein: daß die Zeit verging.

Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: „Dukatus ist gekommen.“

Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und morgen werd’ ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß.

Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange; es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich holen, und einen silbernen Stall werd’ ich dir bauen. Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.

Es mag füglich wundernehmen, daß ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde Gläubigkeit verfiel, daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens, der Furcht oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit außerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner Plötzlichkeit, so zierdelos und simpel, daß ein Schüler, ein Kind, ein Verrückter daran Anstoß genommen hätte, und er, dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme Hand.

Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch bläst der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze, und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so langsam vergeht.

Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum, in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm träumte nämlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases, und doch träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verließ das Bett oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte: Sollte ich das mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin, gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte, da erkannte er, daß alles nur ein Traum gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhängt.

Es war eine lange Nacht.

Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das Tintenfaß zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte sich still.

Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort. Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom Wetter. „Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,“ erzählte sie, „und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen worden.“

Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte Gasse.

Caspar aß nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in sein Zimmer.

Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock bekleidet und ohne Mantel.

„Wo wollen Sie denn hin, Hauser?“ rief ihn die Lehrerin von der Küche aus an.

„Ich muß beim Generalkommissär etwas holen,“ entgegnete er ruhig.

„Ohne Mantel? Bei der Kälte?“ fragte die Frau erstaunt und trat auf die Schwelle.

Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: „Adieu, Frau Lehrerin,“ und ging.

Bevor er die Haustür schloß, warf er noch einen Abschiedsblick in den Flur, auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Küchen- und Wohnzimmertür stand, auf das Kehrichtfaß in der Ecke, das mit Kartoffelschalen, Käserinden, Knochen, Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf die Katze, die stets heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte.

Als die Klinke eingeschnappt war, ließ der schier unerträgliche Druck, der seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen sich zu einem schalen Lächeln.

Dem Lehrer werd’ ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es, selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd’ ich kommen und mit dem Wagen vors Haus fahren; ich werd’ es einrichten, daß es Nachmittag sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd’ ich ihm nicht die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen tiefen Bückling machen: „Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten?“ wird er sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell’ ich mich vor ihn hin und frage: „Erkennen Sie mich nun?“ Er wird auf die Knie fallen, aber ich reiche ihm die Hand und sage: „Sehen Sie jetzt ein, daß Sie mir unrecht getan haben?“ Er wird es einsehen. „Ei,“ sag’ ich, „zeigen Sie mir doch mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.“ Den Kindern werd’ ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu dem werd’ ich nicht reden, den werd’ ich nur anschauen, nur anschauen ...

Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh. Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren Hitze spürte er die Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom Wind gepeitscht, schnell vorüberhuschten.

Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte, schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und darüber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar höfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so heftig, daß man hätte schreien müssen, um einander zu hören. Daher machte der Fremde bloß eine Gebärde, durch die er Caspar bat, mit ihm gehen zu dürfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort des Stelldicheins aufzusuchen.

Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete das Türchen und ließ Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es so sein müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark, er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte, um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den Bäumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt werden kann wie etwa die, daß ein von einem Turm Fallender während der Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene Kette, die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weiße, feine Hand erregte; ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn geführt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals sicherlich nicht verspürt hatte.

Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen völlig verhüllt waren.

„Wer sind diese?“ fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der verabredete Platz.

Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.

„Wo ist der Wagen?“ fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese näherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des Wegs.

Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme: „Öffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter übergab.“

Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur zu entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen, blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen Caspars Brust.

Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte dabei. Den Beutel ließ er fallen.

O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der Baumstämmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den Fremden bitten, daß er ihm helfe, doch die Füße des Mannes, die er noch eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwärze vor den Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da.

Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schützen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar Bewegungen mit dem Körper, als suche er in der Erde eine Höhlung zum Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien, als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbärmlich.

Möcht’ sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle zu blicken, wo der Fremde gestanden.

Wenn ich nur ein Wort wüßte, durch das mir leichter würde, dachte er, wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte zweimal: „Dukatus“.

Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, daß er gehen konnte. Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm war, als ob sein Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; über den Schloßplatz; über den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.

In Schweiß gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter ging’s nicht mehr; keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm.

Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloß auf seine Brust.

„Was ist geschehen?“ fragte Quandt rauh und kurz.

„Hofgarten — gestochen,“ stammelte Caspar.

Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als daß Quandt schmunzelte, seltsam schmunzelte. „Wo sind Sie denn gestochen, mein Lieber?“ fragte er gedehnt.

Wieder deutete Caspar auf seine Brust.

Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen. Richtig, da war ein Stich, nicht größer als eine Haselnuß. Aber nicht die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.

„Also gestochen,“ sagte Quandt. „So lassen Sie uns sofort umkehren und zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll,“ fügte er energisch hinzu. „Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muß unverzüglich aufgeklärt werden.“

Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf die Gasse. Quandt faßte ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar dahin.

Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: „Diesmal haben Sie Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen schriftlich geben.“

Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte: „Gott — wissen.“

„Machen Sie nur keine Faxen,“ zeterte Quandt, „ich weiß, was ich weiß. Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei mir kein Glück, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns, die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser, meine Zeit ist knapp.“

„Den Beutel — will ich holen,“ stammelte Caspar leise.

„Was denn für einen Beutel?“

„Der Mann — mir gegeben.“

„Was für ein Mann?“

„Der mich gestochen.“

„Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn ein, daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, daß ich über den wahren Täter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie’s doch! Gestehen Sie, daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben. Ich will über die Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade für Recht ergehen lassen.“

Caspar weinte.

Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war verwirrt. Es kamen einige Männer des Weges, diese bat er, daß sie den Jüngling nach Hause führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die Männer mußten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen.

Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet, daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum Schloßplatz und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen, das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von den Männern halb gezogen, im ganzen über sechzehnhundert Schritte.

Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden. Der diensttuende Offiziant erklärte, daß ohne speziellen Auftrag des Bürgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden dürfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Bürgermeister im Kreis seiner Vertrauten beim Bier saß. Quandt trug den Fall vor. Man staunte, zweifelte, plädierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur weiteren Untersuchung übergeben.

Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte die Wunde schon untersucht.

„Wie steht’s?“ fragte Quandt.

Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.

„Das dacht’ ich mir,“ versetzte Quandt.

Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden war.

„Kennen Sie diesen Beutel?“ fragte der Hofrat.

Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit Hieroglyphen bedeckt war.

Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann beiseite und sagte zu ihm: „Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war.“

Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.

„Es ist wohl Spiegelschrift,“ sagte Quandt lächelnd.

„Ja,“ erwiderte der Hofrat; „eine sonderbare Kinderei.“

Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: „Caspar Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin. Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.“

„Das klingt ja geradezu höhnisch,“ sagte der Hofrat nach einem verwunderten Schweigen.

Quandt nickte erbittert vor sich hin.

Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun an nie mehr reden. Und daß er hätte reden können, womit dieser M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.

Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen, wanderte aufgeregt hin und her. „Das sind schöne Streiche,“ rief er aus, „schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.“

Der Hofrat runzelte die Stirn. „Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das doch!“ sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte.

Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte Caspar mit großer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast herausfordernd: „Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde.“

„Das Blut sickert nach innen,“ entgegnete der Medizinalrat mit einem den Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf das Herz und empfahl die möglichste Ruhe.

Quandt griff sich an die Stirn. „Wie,“ sagte er zu seiner Frau, „sollte sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt haben?“

Die Lehrerin schwieg.

„Ich bezweifle es, ich muß es bezweifeln,“ fuhr Quandt fort. „Sieh doch selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über Schmerzen.“

„Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt,“ fügte die Frau hinzu.

Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte, schrie er ihn an: „Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser! Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurück.“

Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. „Aber Quandt! Quandt!“ sagte er entsetzt. „Ein wenig Milde, Quandt, im Namen unsrer Religion.“

„O,“ versetzte Quandt kopfschüttelnd, „Milde ist hier schlecht angebracht. In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie aufgeführt hat, gebärdete er sich genau so, und ich habe mir sagen lassen müssen, daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden. Was mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.“

Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.

Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei klarem Bewußtsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er, ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten bestellt.

„Zu welchem Zweck bestellt?“

„Das weiß ich nicht.“

„Er hat darüber gar nichts gesagt?“

„Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.“

„Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?“

Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.


Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld Quandts, unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich, daß inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte also von vornherein verzichtet werden.

Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete, gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nördlingen gehe. Der Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen, von mittlerer Größe, bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht.

Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut, grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, daß er nicht sagen gewollt, wo er logierte.

So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von zwei andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.

Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade und von da über den Schloßplatz. Er sah vom Schloß her zwei Männer über die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser um und blickte den Schloßplatz hinauf, so daß ihn der Beobachter noch einmal und genau hatte sehen können. Bei den Schranken blieb der Fremde stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen. Der Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und Schnee spazierengehen mögen.

„Drei Viertelstunden später,“ erzählte der Mann, „als ich von einer Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem Schloßplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im Hofgarten erstochen worden.“

Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist, hört gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht einen Mann im Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei Stimmen, eine Baß- und eine helle Stimme.

Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu führenden Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle, geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet. Die Frau hat von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen können.

Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern hintennach sei er gegangen. „Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem Metzger zur Schlachtbank folgt,“ sagt er.

Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, daß man sogar den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen haben mochte. Was lag an diesem Dolch?

Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien, womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es wurde gesagt, daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten. Wer es sagte, konnte natürlich nicht erkundet werden, denn die öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis daß nichts mehr übrigblieb als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält.


Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen, auf der Straße.

„Wie geht’s dem Hauser?“ fragte der den Lehrer.

„Ei, er ist ganz außer Gefahr; dank’ der Nachfrage, Herr Doktor,“ antwortete Quandt geschwätzig; „die Gelbsucht ist eingetreten, aber das soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin überzeugt, daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können.“

Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn, ein Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren ließ, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich hinlächelnd, nach Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen ärgsten Feinden Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Götter wissen. War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, daß in Quandt auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe des Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, daß gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein Lächeln aus der lautersten Quelle.

Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. „Ah, vom Urlaub zurück?“ begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen.

Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.

Sie gingen miteinander hinauf.

Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein, die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme. Der Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde. Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die lakonischen Worte standen: „Der Damnifikat verbleibt bei seinen bisherigen Depositionen.“ Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können.

Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem Ankömmling ins Gesicht starrte.

Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben; er faltete die Hände und murmelte ächzend: „Nicht nahekommen! Ich hab’s ja doch nicht selber getan.“

„Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!“ rief Hickel mit einer Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen; „ich hab’ Ihnen ja nur gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen Sie das vielleicht auch leugnen?“

„Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf,“ mahnte der Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer beiseite und sagte leise und ernst: „Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird.“

Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie Butter. „Wie? Was?“ hauchte er, „ist’s möglich?“ Er schaute alle Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und dem plötzlich Schüssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch weggezaubert wird.

„Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer,“ sagte mit heiserer Stimme Hickel, der am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den Kacheln rieb.

Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.

„Ist’s möglich!“ murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. „Ist’s möglich!“ Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. „Ach,“ fuhr er elegisch fort, „wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer Fürsorge haben wir’s wahrlich nicht fehlen lassen.“

„Lassen Sie doch die Flausen, Quandt,“ antwortete der Polizeileutnant grob. „Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in seinem Wahn?“

„Unsinn, lauter Unsinn,“ versetzte Quandt bekümmert.

„Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter,“ rief Hickel, indem er sich über das Geländer beugte.

„Was denn?“ gab Quandt erschrocken zurück, „ich sehe nichts.“

„Sie sehen nichts? Potz Kübel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen beide nichts.“ Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade auf und hüstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig betroffen nachguckte.

Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die Fundamente der Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten Tugenden. Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen sein, daß die Ausgeburt rühmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch einer Regung bösen Gewissens anheimfiel, nun, dann muß erklärt werden, daß dieses böse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war, daß es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und daß es das sanfteste Ruhekissen für einen unvergleichlich gesunden Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum hätte gestört werden können.

Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhör begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei, während er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.

Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien Leute gewesen. „Arme Leute passen mir immer dort auf,“ sagte er, „zum Beispiel eine gewisse Feigelein, der hab’ ich manchmal einen Kreuzer gegeben, auch die Tuchmacherswitwe Weigel.“

Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: „Müde — recht müde.“

„Wie ist Ihnen, Hauser?“ erkundigte sich die Wärterin.

„Müde,“ wiederholte er; „werd’ jetzt bald weggehen von dieser Lasterwelt.“

Eine Weile schrie und redete er für sich hin, hernach wurde er wieder ganz stille.

Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Töne, die aus dem Innern seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem Hammer auf eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame, dämmernde Ebene. Eine menschliche Gestalt rennt schnell darüber hin. O Gott, es ist Schildknecht. Was läufst du so, Schildknecht? ruft er ihm zu. Hab’ Eile, große Eile, antwortet jener. Auf einmal schrumpft Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die an einem glühenden Faden zum Ast eines riesengroßen Baumes emporklimmt. Tränen des Grauens fallen wie Regen aus Caspars Augen.

Er sah ein seltsames Gebäude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte kein Tor, keine Tür, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog hinauf und schaute durch eine kreisrunde Öffnung in das Innere, das von himmelblauer Luft erfüllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine Frau. Vor diese trat ein Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein Schatten, und er teilte ihr mit, daß Caspar gestorben sei. Die Frau hob die Arme und schrie vor Schmerz, daß die Wölbung erzitterte. Da klaffte der Boden auseinander und es kam ein langer Zug von Menschen, die alle weinten. Und Caspar sah, daß ihre Herzen zitterten und zuckten wie lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus, der gerüstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen sich das ganze Geheimnis enthüllte. Und alle, die zuhörten, preßten die Hände gegen die Ohren, schlossen die Augen und stürzten vor Kummer zu Boden.

Dann war alles verwandelt. Caspar spürte sich voll von wunderbaren Kräften. Er spürte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn an, und die Steine spürte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte vielfältiger Samen, und er brach auf, und die Würzlein schossen und bebend hoben sich die Gräser. Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor wie Fontänen und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne. Und inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzähligen Verästelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen, und auf der Krone oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im Stamm floß Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwärzlichrote Tropfen hindurch.

Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter Entzückungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trüge, wo keine Luft zum Atmen mehr war. Da half kein Sträuben und Sichbäumen, es trug ihn hin und ein kühler Wind wehte über sein Haar, seine Finger krümmten sich, als suche er sich irgendwo zu halten. Es war eine namenlose Erschöpfung, von welcher der vergebliche Kampf begleitet war.

Auf der Straße fuhr der Nürnberger Postwagen vorbei, und der Postillon blies ins Horn.

Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen. Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.

Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit größter Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit angstvoll großen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern zitterten. Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen, als wolle er schreiben. Das dauerte jedoch nicht lange.

„Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, daß Sie auf Gott vertrauen und mit seiner Hilfe jeden Kampf kämpfen wollen,“ sagte der Pfarrer.

„Weiß es nicht,“ flüsterte Caspar.

„Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand angerufen?“

Caspar nickte.

„Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestärkt gefühlt?“

Caspar schwieg.

„Wollen Sie nicht wieder beten?“

„Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken.“ Und nach einer Weile sagte er wie für sich, seltsam leiernd: „Das ermüdete Haupt bittet um Ruhe.“

„So will ich ein Gebet sprechen,“ fuhr der Pfarrer fort, „beten Sie im stillen mit. Vater, nicht mein —“

„Sondern dein Wille geschehe,“ vollendete Caspar hauchend.

„Wer hat so gebetet?“

„Der Heiland.“

„Und wann?“

„Vor — seinem — Sterben.“ Bei diesem Wort sträubte sich sein Körper empor und über sein Gesicht ging ein höchst qualvolles Zucken. Er knirschte mit den Zähnen und schrie dreimal gellend: „Wo bin ich denn?“

„Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie,“ beruhigte ihn Quandt. „Es kommt ja bei Kranken öfter vor, daß sie sich an einem andern Ort zu befinden wähnen,“ wandte er sich erklärend an den Pfarrer Fuhrmann.

„Geben Sie ihm zu trinken,“ sagte dieser.

Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.

Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schweiß von der Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich über den Jüngling und fragte dringend, feierlich beschwörend: „Hauser! Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht aufrichtig an, Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten?“

Da packte Caspar in höchster Herzensnot die Hand des Lehrers. „Ach Gott, ach Gott, so abkratzen müssen mit Schimpf und Schande!“ stieß er jammernd hervor.

Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte Seite und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Körpers starb einzeln ab.

Zwei Tage später wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel von wolkenloser Bläue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berühmter Zeitgenosse, der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzählt, es sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden, jener im Osten, diese im Westen, und beide Gestirne hätten im selben fahlen Glanz geleuchtet.


Etwa anderthalb Wochen später, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten starke Schläge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zögerte Quandt eine Weile; erst als sich die Schläge wiederholten, nahm er das Licht und ging, um zu öffnen.

Draußen stand Frau von Kannawurf. „Führen Sie mich in Caspars Zimmer,“ sagte sie zum Lehrer.

„Jetzt noch? In der Nacht?“ wagte dieser einzuwenden.

„Jetzt, in der Nacht,“ beharrte die Frau.

Ihr Wesen schüchterte Quandt dergestalt ein, daß er stumm zur Seite trat, sie vorangehen ließ und mit dem Licht folgte.

In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles umgestellt und verräumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem Ecktisch neben dem Fenster.

„Lassen Sie mich allein,“ gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit seiner Frau unten an der Stiege. „Es ist sehr gutmütig von mir, daß ich mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse,“ murrte er.

Mit verschränkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und ab. Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des Sektionsprotokolles lag; es ging daraus hervor, daß man nach dem Tode Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte. Clara nahm das Papier mit beiden Händen und zerknitterte es in ihren Fäusten.

Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus Luft zurückgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern. Tränen beruhigen; aber diese Trauernde hatte keine Tränen mehr; für sie waren keine Sterne mehr, kein Glanz des Himmels; für sie wuchs kein Gras mehr, duftete keine Blume mehr, ihr schmeckte der Tag nicht mehr und die Nacht nicht mehr, für sie hatte sich alles Menschentreiben, ja selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige düstere Wolke von nie wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.

Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam. Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und während sie ihn mit weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: „Mörder.“

Dies war für Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter die Nase gehalten hätte. Es läßt sich denken, der wackere Mann war vollkommen ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskäppchen und mit Schlappschuhen an den Füßen wartet er, daß der ungebetene Gast sein Haus wieder verlasse, und da fällt ein Wort, wie es nicht einmal ein böser Traum erzeugen kann.

„Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen,“ tobte er noch im Bette.

Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von Imhoff sagte ihr, daß man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzählte, erzählte. Vieles von Caspar, vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch schreiben, worin er haarklein nachzuweisen gedenke, daß Caspar ein Betrüger gewesen; daß Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach wegziehe, wohin, wisse niemand, daß alle Bemühungen, dem furchtbaren Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich gewesen seien.

Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich für die Nacht trennten, sagte sie leise und mit unheimlicher Sanftmut: „Auch du bist seine Mörderin.“

Frau von Imhoff prallte zurück. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft fort: „Weißt du es denn nicht? willst du’s nicht wissen? Versteckst du dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weißt du denn nicht, wer er war? Glaubst du denn, daß die Welt immer und ewig darüber schweigen wird, so wie sie jetzt schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken; er wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften, er wird so mächtig im Tode sein, als er ohnmächtig im Leben war. Die Sonne bringt es an den Tag.“

Darauf verließ Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.

Am andern Morgen ging sie früh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Türmer auf der Johanniskirche, saß lange oben auf der Steinbank in der schmalen Galerie und blickte weit über die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht Schnee, sie sah nur vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah nur ein durchstochenes Herz.

Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengräber führte sie zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hölzernes Kreuz gegen den Stamm einer Trauerweide.

Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara und grüßte sie ernst und höflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm vorüber, ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten Grabhügel und die Arbeiter, die jetzt das Kreuz zu Häupten des Grabes einrammten. Auf einem großen, herzförmigen Schild, das inmitten des Grabkreuzes befestigt war, standen in weißen Lettern die Worte:

HIC JACET
CASPARUS HAUSER
AENIGMA
SUI TEMPORIS
IGNOTA NATIVITAS
OCCULTA MORS.

Sie las es, schlug die Hände vors Gesicht und brach in ein gellend wehes Gelächter aus. Jählings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu: „Mörder!“

In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau von Imhoff, Herr von Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann, Quandt und seine Frau. Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und der Eindruck eines jeden war, daß etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebärden machte sich Clara los, stürzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender Stimme: „Mörder seid ihr! Mörder! Mörder! Mörder!“

Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Straße hinaus, wo sich alsbald viele Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde sie von einigen Männern umringt und am Weiterlaufen verhindert.

Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden. Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit verging die Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.

Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen. Er wollte sich nicht zufrieden geben, wenn man ihm vorhielt, daß es doch eine Irre gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: „Mich freut die Welt nicht mehr. Warum klagte sie mich an? Mich, gerade mich? Ich hab’ ihn ja liebgehabt, den Hauser.“

„Die Unglückliche,“ erwiderte Frau von Imhoff leise, „an Liebe allein hatte sie nicht genug.“

„Ich trage keine Schuld,“ fuhr der alte Mann fort. „Oder doch nicht mehr, als dem sterblichen Leib überhaupt zukommt. Schuldig sind alle, die wir da wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst hätte unser Stammvater im Paradies nicht sündigen dürfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund kann ich nicht freisprechen. Was hat es ihm gefrommt, das Träumen über seine Herkunft? Wo Verrat von allen Lippen quillt, flieht der Tüchtige in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber Schwärmer hören nur sich selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur Gott. Er gnade meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.“

Ende.