Caspar Hauser
oder
Die Trägheit des Herzens

21. Eine Stimme ruft

Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde für Caspar bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jüngling klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern.

Caspar überlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er weigerte sich zu gehorchen.

„Ja, mein Bester,“ sagte Hickel, „wenn es nicht gutwillig geht, muß ich leider Gewalt anwenden.“

Caspar besann sich, dann sagte er mit trüber Stimme, der einzige, dem er das Tagebuch geben könne, sei der Präsident, und dem wolle er es morgen bringen, wenn man darauf bestehe.

„Gut,“ entgegnete der Polizeileutnant, „ich werde Sie morgen früh abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Präsidenten.“

Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natürlich keine Lust, das Tagebuch in die Hände Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern, hatte er Auftrag, und er überlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft, so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des Präsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater Bericht zu geben.

Nachmittags läutete es bei Quandts, und der Präsident trat ins Zimmer. Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den gehüteten Schatz nicht ausliefern zu müssen, sich eine Ausrede erdacht, und als der Präsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob es wahr sei, daß er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es verbrannt.

Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen Ausrufs nicht enthalten.

„Wann haben Sie es verbrannt?“ fragte Feuerbach ruhig.

„Heute.“

„Und warum?“

„Damit ich’s nicht hergeben muß.“

„Warum wollen Sie es nicht hergeben?“

Caspar schwieg und starrte zu Boden.

„Das ist eine Lüge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz,“ zeterte Quandt, bebend vor Ärger. „Und wenn er überhaupt ein Tagebuch geführt hat, so muß es schon länger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an hab’ ich es überall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab’ ich Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.“

Der Präsident schaute Quandt aus großen Augen stumm und verwundert an; es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. „Wo war denn das Tagebuch aufbewahrt, Caspar?“ fuhr er dann zu fragen fort.

Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt; bald unter den Büchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter der Schreibkommode. Quandt schüttelte dabei unaufhörlich den Kopf und lächelte böse. „Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?“ inquirierte er.

„Ja.“

„Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?“

„Gehen Sie jetzt, Caspar,“ schnitt der Präsident das Zwiegespräch gebieterisch ab. „Ich begreife nicht,“ wandte er sich, als Caspar draußen war, an den Lehrer, „weshalb Lord Stanhope plötzlich so großes Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich überschätzt er die ohne Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Güte und Überredung wäre man übrigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.“

„Güte, Überredung?“ versetzte Quandt händeringend. „Da haben Euer Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Güte entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu überreden, vergrößert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dünkt sich schon etwas, stellt sich auf die Hinterfüße, hält Widerpart und ist fähig, mir eine Antwort zu geben, daß ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer Exzellenz mögen verzeihen, aber ich bin der Meinung, daß sogar Sie durch Güte und Überredung nichts mehr bei ihm ausrichten können.“

„Na, na,“ machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah düster in die regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.

„Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu versichern, daß er das Tagebuch nicht verbrannt hat,“ schloß Quandt mit beschwörender Stimme.

Der Präsident antwortete nichts. Wie widerwärtig war es ihm, all den kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn dürstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mußte es werden, dann — Friede.

Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rückte die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke. In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd herauf. „Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie ihn klopfen gehört?“ fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche Hammer und Nägel aus der Küche geholt, und sie habe ihn klopfen gehört.

Plötzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, muß die Asche noch im Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, öffnete das Türchen und scheuerte mit gierigen Händen alles, was von verbrannten und verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden.

Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, daß die größeren Stücke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann. Sorgsam schob er die Trümmer auseinander. Er fürchtete das eine oder das andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen, fand aber keinen Zusammenhang.

Da näherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt über die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hände und Gesicht von Ruß geschwärzt waren, indes ihm der Schweiß von den Haaren troff.

Quandt ließ sich nicht stören. „So viel Asche kann doch unmöglich von dem einen Tagebuch herrühren,“ sagte er.

„Ich hab’ auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt,“ erwiderte Caspar.

Die kühlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornröte ins Gesicht; er stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zähne und verließ das Zimmer, die Tür hinter sich zudonnernd. „Sie kommen mir heut abend nicht mit auf die ‚Ressource‘,“ schrie er auf der Stiege.

In der „Ressource“ war ein Gartenfest, das der Schützenverein veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen, dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein Amüsement haben, war des verdrießlichen Zuhausehockens satt. Sie hatte sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid für diesen Zweck gemacht, und so mußte denn der Lehrer sich fügen und, wie er sich ausdrückte, der Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schön geworden war.

Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und genoß der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich über dem Kanapee herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslöste und nun das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch, blätterte nachdenklich in dem Heft herum und überlas einige Stellen.

Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepreßt in den Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher Geschwindigkeit Epoche an Epoche drängend. Was es an mangelhaft Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergüsse erster Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich empfundenen Mächten irdischer und überirdischer Natur, alles das hätte die auf diese Beute versessenen Jäger bitter enttäuscht. Aber es war nicht für jene, es war für die Mutter, ihr war es zugelobt ein für allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke ganz unfaßlich, daß ein andres Auge je auf diesen Blättern ruhen sollte. Es mag auch sein, daß ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das ihm völlig zugehörte und sein ganzes Vertrauen besaß.

Auf einer der ersten Seiten stand: „Neulich hab’ ich aus Gartenkresse meinen Namen gesäet, ist recht schön gewachsen und hat mir große Freude gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen, der hat mir meinen Namen zertreten, da hab’ ich geweint. Herr Daumer hat gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab’ ich ihn wieder gemacht, am andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.“

Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: „Die Geschichte von Caspar Hauser; ich will es selbst erzählen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich eingesperrt war in dem Gefängnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil ich von der Welt nichts gewußt und keinen Menschen niemals gesehen habe.“

In diesem Ton ging es weiter; späterhin kamen einige zum Schönrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz: „Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine unverdiente Einsperrung, in der ich meine blühendste Lebenszeit zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergnügungen lebte, da war meine Natur noch gar nicht erwecket.“

Träume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte über kleine Ausflüge, über Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort, in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gespräche geklaubt; allmählich Sätze, an denen etwas wie persönlicher Schliff hervortrat und eine merkwürdige verhüllte Düsterkeit des Stils. Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrückt; er hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd; so hieß es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: „Der Erntemonat wäre bald mein Sterbemonat worden.“

Kleine Vorfälle des täglichen Lebens: „Gestern hat mich eine Biene gestochen, das Fräulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie sagte, wen die Biene sticht, der hat Glück.“ Oder: „Gestern war eine Feuersbrunst, über Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe Nacht am Fenster gesessen und hab’ gedacht, die Welt geht unter.“

Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: „Herr Quandt riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier, der Präsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach Öl, der Herr Pfarrer nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.“

Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und nicht selten drängend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nürnberg hatte das aufgehört, der Name des Lords wurde nicht mehr erwähnt, nur das Gelöbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben.

Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche über die Hälfte einer Seite füllte: die Umrisse eines männlichen Kopfes, mit auffallend geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem irdischen ähnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter war geschrieben:

O großer Mensch, was tuest du mir an?
Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
Und ohne Reiter läuft das weiße Pferd.

Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn hatte er nicht weiter nachgegrübelt, erst jetzt wurde er stutzig und flüsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.

Mittlerweile war es spät geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch aufstehen, da hörte er das Haustor knarren, rasche Schritte näherten sich, es klopfte an die Tür, und Quandts Stimme befahl zu öffnen. Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und während Quandt immer stärker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hängen.

Quandt hatte nämlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief: „Sieh mal, Frau, sieh mal!“

„Was gibt’s denn schon wieder?“ murrte die Frau, die voll Ärger darüber war, daß Quandt ihr mit seiner übeln Laune den ganzen Abend verdorben hatte.

„Jetzt hast du doch den Beweis, daß er bei der Kerze sitzt,“ sagte Quandt.

Das Haus hatte durch ein Gartenpförtchen auch einen Zugang von der Rückseite. Quandt wählte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel ihm ein, ob er nicht zuerst den Jüngling auf irgendwelche Art belauschen und sehen könne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie geschaffen dazu. Quandt war geschickt und kräftig, ohne Mühe erklomm er die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer überschauen konnte. Was er sah, genügte. Nach kurzer Weile kam er aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: „Ich hab’ ihn erwischt, Jette,“ und stürzte ins Haus und die Stiege empor.

Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rührte, geriet er in Wut. Er fing an, mit den Fäusten, sodann mit den Absätzen an die Tür zu trommeln, und als auch dies nichts half, beschloß der beklagenswerte Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Türe einzuschlagen. Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurück und sah, daß es in Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen Zorn nur noch steigerte.

Von dem Lärm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Küche rannte. Er stieß sie weg, schäumte: „Ich will’s ihm schon zeigen,“ und stürzte wieder hinauf.

Nach dem ersten Schlag mit dem Beil öffnete sich die Tür, und Caspar trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte etwas so Unerwartetes und Ernüchterndes für den Lehrer, daß er förmlich zusammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wußte und nur sonderbar mit den Zähnen knirschte. „Machen Sie Licht,“ murmelte er nach einem langen Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend, die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht verlor Quandt vollends die Haltung. Er schämte sich, und tief aufseufzend sagte er: „Hauser, Sie bereiten mir großen Kummer.“ Damit drehte er sich um und ging langsam hinunter.

Caspar schlief erst ein, als der Tag dämmerte. Beim Frühstück, vor der gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, daß Quandt schon ausgegangen sei. Es wurde Mittag, und während des Essens war der Lehrer vollkommen stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. „Um fünf Uhr seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen sprechen.“

Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heißer Augusttag, Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben ängstlich zwitschernd vorüber, die schwül erhitzte Luft surrte und sang im engen Gemach. Noch müde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald, und erst ein heftiges Rütteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah die beiden Männer schweigend an. Hickel knöpfte mit einer amtlichen Gebärde seinen Uniformrock zu und sagte: „Ich fordere Sie hiermit auf, Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.“

Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: „Herr Polizeileutnant, ich werde Ihnen mein Tagebuch nicht geben.“

Quandt schlug die Hände zusammen und rief klagend: „Hauser! Hauser! Sie treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.“

Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: „Ja, bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier? Was wollen Sie denn noch? Ich hab’ ja schon gesagt, daß ich das Buch verbrannt habe!“

„Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, daß Sie heute nacht bei der Kerze geschrieben haben?“ fragte Quandt dringlich. „Briefe haben Sie doch nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.“

Caspar schwieg. Er wußte nicht ein noch aus.

„Ein guter Mensch hat überhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu scheuen,“ fuhr Quandt fort, „im Gegenteil, sie muß ihm erwünscht sein, da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu führen.“

„Wie lange werden Sie uns noch warten lassen?“ fragte Hickel mit höflicher Kälte.

„Da will ich doch lieber sterben, als daß ich das alles aushalten soll!“ rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.

„Nun, nun,“ sagte Quandt beunruhigt, „wir meinen es ja gut mit Ihnen, auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.“

„Freilich,“ bestätigte Hickel trocken; „übrigens kann ich Ihnen sagen, daß das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wäre. Da könnte man unter Umständen auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der Betrüger Caspar Hauser.“

„Ganz abgesehen davon, daß sich in einem solchen Satz eine höchst verwerfliche Gesinnung ausdrückt,“ fügte Quandt tadelnd hinzu, „eine feige und unsittliche Gesinnung.“

„Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen Geschichten plagt und mir nicht glaubt,“ entgegnete Caspar bedrückt; „ich hab’ ja früher auch nicht gelebt und hab’ lange nicht gewußt, daß ich lebe.“

Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Knöcheln wie spielend an einige Stellen der Mauer; plötzlich schien sich seine Aufmerksamkeit gegen das Bild über dem Sofa zu richten. Er nahm es lächelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte schließlich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen.

Caspar wurde schlohweiß und bebte wie Espenlaub.

Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt, ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er plötzlich und werde um Kopfeslänge größer. Mit zwei Schritten stand er dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war förmlich aufgerissen. In seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glühte von einer leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen Gefühl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und fasziniert gegen die Tür zurück. Der kalte Schweiß brach aus seiner Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt für Schritt, den Arm ausstreckte, das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten durchriß, die beiden Hälften noch einmal und noch einmal zerriß, bis alles in Fetzen auf dem Boden lag.

Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die Dazwischenkunft einer vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verändert hätte. Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorübergehen Caspar hatte besuchen wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben war. Als er eintrat, mußte sich ihm eine Ahnung des Geschehenen aufdrängen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mühsam seine Fassung und sagte in verlegenem Ton: „Was haben Sie denn da für ein Geschnitzel gemacht, Hauser?“

Hickel wanderte mit ein paar großen Schritten durchs Zimmer, dann grüßte er den Pfarrer militärisch und ging mit kaltem und finsterem Gesicht. Unter der Tür drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er bückte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Füßen darauf und sagte: „Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.“

Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Händen auf, trug es zum Ofen, öffnete mit dem Fuß das Türchen und warf alles hinein. Darauf schlug er Feuer, und eine Minute später brannte es lichterloh.

Der Pfarrer Fuhrmann war bloß schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel war gegangen, und der Lehrer, beständig hüstelnd, schritt mit der Gleichmäßigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar kauernd zuschaute, bis das letzte Fünkchen verglommen war; dann nahm er den Schürhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub.

Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem herabgestimmten Gemütszustande des jungen Menschen und einer schier krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Eröffnungen führte, die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den Präsidenten Feuerbach zu wenden.

„Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt,“ sagte er im Verlauf seiner Mitteilungen zu Feuerbach; „ein sonst so vortrefflicher Mann, und in allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig, seine Melancholie spöttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem, was der Hauser tut und sagt, schließt er im stillen das Gegenteil, sogar das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lüge. Ich glaube, er möchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen ist. Das ist, weiß Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdächtig gemacht wird. Verdächtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und verdächtig, wenn er es schon kennt; verdächtig, wenn er lange schläft, und verdächtig, wenn er früh aufsteht; daß er das Theater liebt und die Musik nicht liebt, verdächtig; daß er es hinunterschluckt, wenn man ihn zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdächtig. Alles ist verdächtig. Wie soll das enden!“

Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum Schluß kam nichts heraus.

Der Präsident, merkwürdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur Rede zu stellen. Er ließ Hickel rufen und schrie ihn gleich beim Eintritt an, daß dem Verdutzten Hören und Sehen verging. Leider diente die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug Hickels überlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur daß der Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, doppelt still und kalt seiner Wege ging.

„Die Bemühung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, muß man wohl als gescheitert betrachten,“ sagte Feuerbach eines Tages zu seiner Tochter. „Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.“

„Mag sein; aber kann man es ändern?“ versetzte Henriette achselzuckend.

„Mich beruhigt nur die Zuversicht, daß ja eine Entscheidung ohnehin fallen muß, wenn die Schrift einmal erschienen ist,“ sagte der Präsident vor sich hin.

„Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über seinem Kopf zusammenschlagen?“ fuhr Henriette fort. „Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu machen.“

„Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist — ei, das gäbe Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen gekommen?“

Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.

Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.

Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht ergeben konnte und durfte — aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl, aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung, Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen.

So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem Wort.

Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann gesprochen? „Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann ...“

Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und alles lächelnd ins Absurde zu führen.

Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:

Anselm, Ritter von Feuerbach!
Lösch ’s Feuer unter deinem Dach!
Laß den falschen Freund nimmer ein!
Zieh den Degen und hau drein,
Sonst wird’s um dich geschehen sein.

An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.

Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.

„Es ist, als wäre er taubstumm geworden,“ versetzte Quandt. „Bei Tisch läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt in die Luft. Gestern nachts hab’ ich und meine Frau ihn belauscht und wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert, dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.“

„Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?“ forschte der Präsident.

„O ja, das weiß ich wohl,“ entgegnete der Lehrer harmlos; „es ist meine Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.“

Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an. „Nun, und?“ fragte er.

„Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen Wirkung zusammenreimen,“ erwiderte Quandt bedächtig.

Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. „Gut, gut,“ rief er barsch, „aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?“

Quandt erschrak. „Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz von ihm abgewandt hat —“

„Woher wissen Sie das, Mann?“ brauste der Präsident auf und erhob sich mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte.

„Eure Exzellenz verzeihen,“ stotterte Quandt furchtsam, „aber das ist doch sonnenklar.“ Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen, kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: „Trotz allem ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken, und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.“

„Ich werde der Sache nachgehen,“ schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab. Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines Schlapphuts festhalten.

Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren Aufschall die Tiefe verschlang.

Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und wußten nicht, wer draußen stand am Tor.

Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein Ohr.

Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten, dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein und darüber die Worte gemeißelt waren: „Zum Auge Gottes“, schon lang vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein Goldmacher darin gewohnt haben.

Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen hätte.

Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da, während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:

„Stephan!“

Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus dichterer Nähe:

„Stephan!“

Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen erstickt ausrief:

„Stephan!“

Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus und fragte: „Wo? Wo bist du? Wo bist du?“

Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier unkenntlich häßlich.

Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen. Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören.