Caspar Hauser
oder
Die Trägheit des Herzens

17. Man erfährt einiges über Herrn Quandt sowie über eine vorläufig noch ungenannte Dame

Die Übersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenfälle statt.

„Nun wohlan denn,“ sagte Quandt während der ersten gemeinsamen Mahlzeit, als die Suppenschüssel aufgetragen wurde, „jetzt beginnt für Sie ein neues Leben, Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und des Fleißes. Wenn wir uns lobenswert betätigen und in unsern Gedanken nicht den Schöpfer aller Dinge vergessen, wird unser irdisches Bemühen stets von Erfolg gekrönt sein.“

Nach Tisch mußte Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurückkam, erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit über getrieben habe. Seine Frau konnte ihm nur ungenügenden Bescheid geben, und er tadelte sie deshalb. „Wir müssen aufpassen, liebe Jette,“ sagte er, „wir müssen die Augen offen halten.“

In der Tat, Quandt paßte auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in seinem Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines Pflegebefohlenen zu verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschäftsführung stellte es sich bald heraus, daß Soll und Haben einander nicht die Wage hielten, daß die Schuldseite nach und nach bedenklich überlastet wurde. Das betrübte den Lehrer aufrichtig; jedoch gab es ein geheimes Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen freute.

Es war nämlich mit diesem Manne derart beschaffen, daß er in einer merkwürdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die öffentliche Person, der Bürger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt, der Patriot; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die öffentliche Person, der Bürger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergnügt die Hände rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim reichen Bauern Soundso oder die skandalöse Heirat der Gräfin Ypsilon mit ihrem Stallburschen. So unverbrüchlich der Steuerzahler, das Familienhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich hatte etwas von einem Revolutionär und war immer auf dem Posten, um der Weltregierung auf die Finger zu schauen, und stets besorgt, daß keinem mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz über seine Verdienste und Mängel, seine Vorzüge und Laster füglich beanspruchen durfte. Der öffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand sich allerorten und zu jeder Zeit zurückgesetzt, beleidigt, vor den Kopf gestoßen und in seinen vornehmsten Rechten gekränkt.

Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgängern unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist ein boshaftes Tier; er durchlöcherte manchmal die Scheidewand zwischen den zwei Seelen, und wie oft der stärkste Damm nicht genügt, um eine verheerende Überschwemmung zu verhindern, so brach eben dieser Neid bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde des Gottes- und Menschenfreundes Quandt.

Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worüber das tückische Untier sich gefräßig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden bekommen, der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen feilhielt; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt, der schon ohnehin die Woche zweimal Pasteten aß und Moselwein trank; da wurde ein Name lobend in der Zeitung erwähnt, ohne daß man erforschen konnte, ob ihm eine solche Auszeichnung von Rechtswegen zukam, dort hatte ein Ichweißnichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, hätte man sich zufällig mit dem Gegenstand beschäftigt, leichterdings auch hätte verfallen können. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der heimlich aufrührerische Quandt. Es war ein beständiger und unsichtbarer Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole: Warum der andre, warum nicht ich?

Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war Pastor gewesen, mütterlicherseits kam er von Bauern her. Er besaß viel vom Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit Theologie behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor beständig im Wege, denn wo hätte man je gehört, daß ein auf Religion und Friedfertigkeit gestimmtes Gemüt rachsüchtig, mißgünstig und ehrgeizig gewesen wäre? Die Wahrheit liebte Quandt über alles; er sagte es, er beteuerte es und es war auch so. Nichts war ihm offenbar genug; nirgends stimmte die Rechnung; überall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, daß er niemals in seinem Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es fest und war nachzuweisen, daß er mit dem einzigen Busenfreund, den er je besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb für immer gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lüge gekommen war.

Wie ratlos mußte nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der bessere Teil des Lehrers bot, gegenüberstehen. Wir, der Leser und ich, haben darin leichtes Spiel, uns kann man nicht betrügen, uns sind die Kleiderfalten offen und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig; wir weilen auf einer höheren Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir verfolgen Herrn Quandt, wenn er in einen Krämerladen tritt, mit höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse verlangt und dabei mit unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen, gleichviel ob es Köchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir hören ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit Schmerz über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebürstet, frisiert, gewaschen zum Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbüchlein aufschlagen; wir wissen, daß er respektvoll gegen Höhere und unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewußtsein nach beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, daß er jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines Bettes sitzt und sich mit düsterer Miene erinnert, daß ihn der Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlässig gegrüßt hat; mit Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis, daß er seine Schüler, selbstverständlich nur die faulen und störrischen, mit einem sorgsam getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu züchtigen pflegt, und leider dürfen wir nicht verhehlen, daß er seine gutmütige Frau nicht immer so zart und rücksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind, daß diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens zwischen Gatten zu betrachten sei.

So war für Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart natürlich nicht genießt, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber durchaus imponierende Gestalt. Ein bißchen Alpdruck spürte er jedesmal, wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu ihm sprach. Er fühlte sich anfangs bedrückt in dieser gar engen Häuslichkeit, in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein sein konnte, und der einzige Trost war, daß der Graf, der schon anfangs Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der Stadt war. Stanhope behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu müssen, in Wirklichkeit harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach, da ihn das Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den Wanderer ein drohendes Gewitter.

Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jüngling jeden Nachmittag für eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen abzuholen; sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schloßberg hinauf und gegen das Bernadotter Tal, das in schöner Abgeschiedenheit wie eine Vorhalle zu den finster umschließenden und weitgedehnten Wäldern lag. Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einfluß von der Bewegung in der kalten, meist frostklaren Luft.

Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt aus ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das Lehrhafte wie das Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden Vertraulichkeit entbehrte. Es schien dem ein Übereinkommen zugrunde zu liegen, ein Friedensschluß vor einer dumpf gefühlten Wandlung, welche die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends zerstören mußte. So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der andern Seite.

Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen, ja im wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder unbefangen fühlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel gezwungen; in sich selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut überschauend, wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem zwecklos spielenden Geist übrig gelassen, der ja das eigentliche Element ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er ging über die Tiefen seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke, die der leichteste Windhauch in den Abgrund stürzen kann.

Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge: erzählte, wie der begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestürzt und jenem zu Ansehen verholfen; wie er einen im Glück gewahrt, an der Tafel des Königs schwelgend, und wie selbiger zwei Jahre später in einer Dachkammer elend krepiert war. Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer erklimmbarer Höhe blühten die Blumen; nichts sicher, nichts von Bestand, nirgends Verlaß. Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben, nach welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte. Stanhope erwähnte das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und weitläufigen Verwandten, der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wußte er aus dem Gedächtnis herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu verspotten, in seinem Schloß zwei Bilder aufhängen lassen, einen nackten Mann und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva Stanhope.

Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck, einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit entdeckte: immer zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in Frage und Antwort aus erster Hand, das Gegensätzliche mühelos erfassend und phantasievoll verknüpfend.

Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anlaß führte sie herbei.

Eines Tages, während der Rückkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope darüber aus, wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei, wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfließen lasse, sondern sie moralisch zu nützen suche, indem er durch schriftliche oder mündliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere. Caspar fragte, wie er das meine; statt der Antwort stellte der Graf, den dieser Umstand längst beunruhigte, die lauernde Gegenfrage, ob Caspar noch ein Tagebuch führe.

Caspar bejahte.

„Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?“

Caspar erschrak, überlegte und antwortete zögernd, ja, er wolle es tun.

„So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran,“ sagte Stanhope. „Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin neugierig, wie du so etwas anpackst.“

Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und nahm, der Erfüllung des Versprechens gewärtig, auf dem Kanapee Platz. Im Ofen prasselte Feuer; draußen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind; es dämmerte schon, die Hügel waren violett umschleiert.

Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen, doch Minute auf Minute verging, ohne daß er sich im geringsten anschickte zu tun, was Stanhope erwartete.

„Nun, Caspar,“ meldete sich endlich ungeduldig der Graf, „ich bin bereit.“

Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er könne nicht.

Stanhope sah ihn groß an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch sei unter vielen andern Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu erreichen, murmelte er stockend.

„So so,“ versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. „Wie flink du in Ausflüchten bist, Caspar; ich hätte nicht geglaubt, daß du so flink in ... Ausflüchten bist. Ei, sieh doch!“

In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür, der Lord rief und die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den Herrn Grafen hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine kleine Erfrischung gefällig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den Blick fortgesetzt auf Caspar.

Quandt merkte gleich, daß da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte sich, ob Seine Herrlichkeit Anlaß habe, mit dem Hauser unzufrieden zu sein. Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu ärgern, und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich handle. Hierauf, zu Caspar gewandt, sagte er laut und markiert: „Wenn es von vornherein nicht in deiner Absicht lag, mir von deinen Intimitäten Kenntnis zu geben, so hättest du es nicht versprechen dürfen. Und wenn du dein Versprechen bereut hast, so durftest du es schicklich wieder zurücknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen“ — eine beredte kleine Pause — „Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner nicht würdig.“

Er erhob sich und verließ das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich in der verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den guten Willen Caspars gebildet habe.

„Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken,“ erwiderte Quandt. Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine Notizblätter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten Tag an tüchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen, die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Gröbsten und nur des Überblicks halber.

„Und das Ergebnis?“ fragte Stanhope, wobei die Langweile seine Nasenflügel auseinander dehnte.

„Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!“

Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein, denn in diesem „leider“ lag ein tiefgefühlter Ton. Es mußte ein Schmerz für ihn sein, daß Caspars Handschrift so viel zu wünschen übrigließ. „Er hat nichts Freies und Zügiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf gespanntem Fuß,“ sagte er. Es mußte ein Schmerz für Quandt sein, wenn ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden konnte. „Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht die geringste Vorstellung,“ sagte Quandt und fuhr fort: „Im sprachlichen Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar über seine sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Sätze und ihre Verbindungen so weit, daß er den Punkt, das Kolon, das Anführungs-, Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen weiß.“

Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit. „Eine Null wird für ihn bald da, bald dort zum unüberwindlichen Hindernis,“ sagte Quandt. Die Lehre von den Brüchen, vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen: ein hoffnungsloses Dunkel. „Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in diesen Dingen am willigsten,“ sagte Quandt.

„Wie erklären Sie sich das?“ erkundigte sich der Lord mit der Neugierde eines Verschlafenen, den man an den Füßen kitzelt.

„Ich erkläre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein für sich bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust und Verlangen, und es macht ihm Spaß, wenn er es vollendet sieht. Was ihn aber lange beschäftigt, erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich auch verdrießlich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann.“

Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden, sowohl gegen vaterländische Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen, Staatsmänner, Schlachten, Umwälzungen, Helden und Entdecker. „Nur die Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn ködern.“ Traurig! Und die Geographie? „Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs zu Hause,“ sagte Quandt. „Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf. Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir ein Rätsel, ein unsagbares Rätsel, Mylord.“

Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf ein, daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert erscheine, daß er aber kein großes Gewicht darauf lege.

„Wünschenswert, jawohl,“ versetzte Quandt, „und das Wünschenswerte sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten, in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander gedeihen dürfen. Ich glaube, der mächtigste Ansporn für den Hauser ist seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen, kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit ihm durchzunehmen begonnen.“

Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur, bewilligte kurzerhand einen Zuschuß; es wurde vereinbart, daß Caspar einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer erhalten solle.

Um den übeln Eindruck dieser Erörterung zu verwischen, die ihn beschämte und demütigte, äußerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden. Stanhope, schon völlig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. „Es wäre ratsam,“ schlug Quandt vor, „Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilübungen zu betrachten. Ich könnte, ohne natürlich am Gedanken etwas zu verändern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben. So hätten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fähigkeiten.“

Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den Flur, Quandt trug wieder das Öllämpchen voran. Auf einmal prallte er zurück und hielt das Lämpchen hoch. Am Stiegengeländer stand eine dunkle Gestalt. Es war Caspar.

Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um und sah den Lord beziehungsvoll an.

Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe wenig Zeit, Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schüttelte den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er stellte sich, als ob es ihn Überwindung koste, dem Wunsch zu willfahren, dann ging er mit kleinen, wie gezählten Schritten die Stiege hinan. Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person neben der Tür stehen.

Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser möge ihm versprechen, nichts darin zu lesen.

Der Lord verschränkte die Arme über der Brust. Dies wurde ihm denn doch zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung: „Du kannst mir wohl glauben, daß ich ohne deine Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.“

Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel eines Seidentüchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald auf Caspar. „Was für eine kindische Zeremonie!“ stieß er finster heraus. „Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert, deinen papierenen Schatz zu sehen. Soviel ich weiß, wolltest du mir daraus vorlesen; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.“

Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken maß er das mysteriöse Heft. Caspar schaute währenddem, auch indes der Lord das Zimmer schweigend verließ, mit einem chinesisch-schiefen, schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit, wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben.

„Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf,“ sagte Quandt, der den Grafen zum Tor begleitete, „so muß ich gestehen, ich glaube nicht an dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, daß ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu führen. Ich kann mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.“

„Ja, denken Sie denn, daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat?“ versetzte Stanhope schroff.

„Das nicht, aber ...“

„Was also?“

„Je nun, man muß der Sache nachgehen, man muß sich damit beschäftigen, man muß sehen, was dahinter steckt.“

Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören; dies lockte; er wußte, daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er vergöttert worden war; es ist schön, vergöttert zu werden, wie wenig Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das Götterbild vom Sockel gestürzt war, um seine Trümmer mußte noch eine reizende Romantik blühen. Dies lockte. An das Verräterische des Büchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich die Schergen abfinden.

Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die Ablieferung der Briefe, die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur drei, darunter der gefährliche, geschwätzige, den der Graf zu fürchten hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier. Stanhope zählte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann etwas milderen Tons: „Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel ab. Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut an.“

Caspar nickte.

Stanhope schritt zur Tür. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch einmal um: „Morgen reise ich.“ In der Krümmung seines Mundes lag Überdruß und Grauen. Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine höllische Unholdfratze über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Präsidenten zu erwarten hatte er aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er käme erst nach Neujahr.

„Morgen schon?“ flüsterte Caspar betrübt; und nach einer Pause fügte er scheu hinzu: „Was abgemacht ist, das gilt aber?“

„Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.“

Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den Grafen. Es waren gebeten: der Regierungspräsident Mieg, der Hofrat Hofmann, der Direktor Wurm, Generalkommissär von Stichaner mit Frau und Töchtern und einige andre Herrschaften; alle kamen in großer Gala. Man war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen Gesellschaft.

Sein Auftreten enttäuschte nicht. Wie fetierte man ihn, bemühte man sich um ihn; man sagte ihm Komplimente, die lächerlichsten Komplimente, lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hände, fand, daß ihm die Narbe auf der Stirn, die vom Schlage des Vermummten herrührte, interessant zu Gesicht stehe, bestaunte sein Reden und sein Schweigen und wähnte damit den Lord zu entzücken, der sich jedoch über eine gemessene Höflichkeit hinaus nicht verpflichtete und dem überschwenglichen Wesen der Damen seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kämmerling des Lords und brachte ein Paket, welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in Kupfer gestochene Porträt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht mit der Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an „die lieben Ansbacher Freunde“, wie er mit bezauberndem Lächeln sagte.

Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die Ähnlichkeit wie auf die Ausführung; als jeder seinen Dank gezollt, kam das Gespräch auf Bilder überhaupt, und es entstand eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob man aus den Zügen eines Porträts auf die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schließen könne. Der Hofrat Hofmann, als der negative Geist, der er überhaupt war, bestritt es mit großer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Gründen; er sagte, jedes Bildnis gebe schließlich doch nur eine Essenz der besten oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen besonderen, seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten Wirkung zu übertreiben, so daß von der wahren Art des betreffenden Menschen kaum noch etwas übrigbleibe. Dem wurde heftig widersprochen; das hänge ja vor allem von dem Genie des Künstlers ab, wurde erwidert, und Lord Stanhope, der die Äußerungen des Hofrats bei diesem Anlaß als einen Mangel an Delikatesse empfinden mußte, ereiferte sich sehr gegen seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue sich aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer es gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person zu erraten.

Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen Ölbild zurück, das sie, noch immer lächelnd, in kurzer Entfernung von dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte. Die Gäste drängten sich herzu, und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung.

Es war ein äußerst lebendig und natürlich gemaltes Bild, welches eine junge Frau von verblüffender Schönheit darstellte: ein Gesicht weiß wie Alabaster und überhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmäßige Züge, einen Blick, dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und Schüchternes gab, und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches Leuchten von Gefühl.

„Nun, Mylord?“ fragte Frau von Imhoff schelmisch.

Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und ließ sich vernehmen: „Wahrlich, in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit mit andalusischer Grazie.“

Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fände. „Schön, Mylord,“ meinte sie, „wir wollen etwas über den Charakter der Dame wissen.“

„O, man will mich attrappieren!“ versetzte Stanhope heiter. „Nun gut. Ich denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder Ungemach mit außerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist sanft, sie ist gottesfürchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des Landlebens, ihre Neigungen gehören den schönen Künsten —“

Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in belustigtes Lachen aus. „Ich bin sicher, Graf, daß Sie nur, um mich zu necken, eine so falsche Deutung unternommen haben,“ sagte sie.

Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errötete. „Wenn ich mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gnädige Frau,“ antwortete er galant.

„Um das zu können, müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in Anspruch nehmen,“ sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst. „Ich müßte Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen, die meine beste Freundin ist, und ich würde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu zerstören, in der Sie sich alle befinden.“

Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren.

„Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer mitteldeutschen Residenz,“ begann sie mit einer reizenden Befangenheit. „Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Kürze wegen den Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre älter denn seine schöne Schwester, für einen Mann von hervorragenden Talenten; der Fürst, obwohl schwächlich und ausschweifend, wußte seine Fähigkeiten vollauf zu würdigen, gab eine der höchsten Stellen des Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des Adels einführte, und er hatte auch die Genugtuung, daß sie nicht nur durch ihre Schönheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich sehen ließ.

„Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf eine furchtbare Weise zerstört. Fast zufällig machte der Freiherr die Entdeckung, daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele Hunderttausende von Talern, und daß der Fürst selbst, in Bedrängnis geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war. Der Freiherr wußte sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an. Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Fürsten und mach ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam. Es geschah. Der Fürst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tür und deutete ihm an, daß er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens Mitteilung machte, drängte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten Landstände zu bringen. Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit, eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschluß zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu kommen. Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf, ließ, trotzdem es schon spät und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon.

„Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben, aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was mit ihm geschehen war, blieb ein unerklärtes Rätsel. Den Schmerz der Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmähte sie es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche Tätigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte, setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses wochenlang die Erde aufgraben mußten, mit Güte, mit List, mit Drohungen beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte etwas wissen. Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen, der sie huldvoll anhörte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich. Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß. Ihres Bleibens an jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands, später sogar in London und Paris Minister, Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu gewinnen, um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen. Stellen Sie sich das Leben vor,“ fuhr Frau Imhoff fort, „das meine Freundin auf solche Weise länger als drei Jahre führte, immer unterwegs, immer in Hast, mit beständigen Widerwärtigkeiten kämpfend. Ein großer Teil ihres Vermögens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen verloren. Als sie nun endlich einsehen mußte, daß sie nichts erreichen würde, daß die Verbrüderung der Schlechten und Gleichgültigen zu mächtig ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine Universitätsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalökonomie. Nicht als ob sie sich damit gegen die Welt verschloß, ganz im Gegenteil. Sie hatte ihre private Sache mit einer öffentlichen vertauscht. Ihre glühende Seele, für den Gedanken der Völkerfreiheit und der Menschenrechte entflammt, suchte Betätigung. Vor zwei Jahren heiratete sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geöffnet hatte; er wurde gerettet und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in friedlichem Einverständnis gelöst, der Mann ist nach Amerika gegangen und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwürdiges Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Rußland, bald aus Wien, bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. Überall untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes, nicht etwa nur oberflächlich und empfindsam, sondern mit sachlicher Gründlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze, Verfassungen und öffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fünfundzwanzig Jahre alt und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord, daß bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz anders, wie man sich das gewöhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas Freudiges und Tätiges, denn es ist in ihr ein kühner Geist und ein erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die Gegenwart das Höchste.“

Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzählerin die tiefe Wirkung, die sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prächtig, ist es nicht prächtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzählen zu lassen? Der Mann am Kamin reibt sich gemütlich die Hände, wenn es draußen stürmt und wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein süßprickelndes Behagen, wenn er sich vorstellt, daß draußen einige Leute ohne Überzieher und Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande, mit solchen Unglücklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.

Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas außerhalb des Zuhörerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war näher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er plötzlich. Die Züge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich Anziehendes. Frau von Imhoff gestand später, daß ihr ein solcher Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich dem Lachen eines kleinen Kindes, nur daß sich eine höhere und reinere Kraft des Bewußtseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines Innern mit den stärksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig, was er sagen würde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die zaghafte Frage: „Wie heißt denn die Frau?“

Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gütig lächelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, später vielleicht werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.

Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geräuschvoller wurde und das jüngste Fräulein von Stichaner am Klavier Lieder sang, behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefühl durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach außen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes öffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein, wie ich’s mir immer eingebildet habe, dachte er.

Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfaßbar wie Schatten, fern wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.

Auf der Brücke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde hätte ein Ereignis der folgenden Nacht, bei dem er nur der flüchtige und kaum bemerkte Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, daß er tagelang danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand.