Clemens Brentano: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl. 2. Ehre Gott gebe ihr Trost und Ruhe die vier Stündlein, die sie noch hat, sagte die Alte und ward still, indem sie die Hände faltete. Ich konnte nicht sprechen, so erschütterten mich ihre Worte und ihr ganzes Wesen. Da sie aber ganz stille blieb und der Thaler des Offiziers noch in ihrer Schürze lag, sagte ich zu ihr: Mutter, steckt den Thaler zu Euch, Ihr könntet ihn verlieren. Den wollen wir nicht weglegen, den wollen wir meiner Befreundeten schenken in ihrer letzten Noth! erwiederte sie; den ersten Thaler nehm' ich morgen wieder mit nach Haus, der gehört meinem Enkel, der soll ihn genießen. Ja seht, es ist immer ein herrlicher Junge gewesen, und hielt etwas auf seinen Leib und auf seine Seele — ach Gott, auf seine Seele! — ich habe gebetet den ganzen Weg, es ist nicht möglich, der liebe Herr läßt ihn gewiß nicht verderben. Unter allen Burschen war er immer der reinlichste und fleißigste in der Schule, aber auf die Ehre war er vor Allem ganz erstaunlich. Sein Lieutenant hat auch immer gesprochen: wenn meine Schwadron Ehre im Leibe hat, so sitzt sie bei dem Finkel im Quartier. Er war unter den Uhlanen. Als er zum erstenmal aus Frankreich zurück kam, erzählte er allerlei schöne Geschichten, aber immer war von der Ehre dabei die Rede. Sein Vater und sein Stiefbruder waren bei dem Landsturm und kamen oft mit ihm wegen der Ehre in Streit, denn was er zuviel hatte, hatten sie nicht genug. Gott verzeih' mir meine schwere Sünde, ich will nicht schlecht von ihnen reden, Jeder hat sein Bündel zu tragen: aber meine selige Tochter: seine Mutter hat sich zu Tode gearbeitet bei dem Faulpelz, sie konnte nicht erschwingen, seine Schulden zu tilgen. Der Uhlan erzählte von den Franzosen, und als der Vater und Stiefbruder sie ganz schlecht machen wollten, sagte der Uhlan: Vater, das versteht Ihr nicht, sie haben doch viel Ehre im Leibe; da ward der Stiefbruder tückisch und sagte: wie kannst Du Deinem Vater so viel von der Ehre vorschwatzen? war er doch Unteroffizier im R_._._._schen Regiment, und muß es besser als Du verstehn, der nur Gemeiner ist. Ja, sagte da der alte Finkel, der nun auch rebellisch ward, das war ich und habe manchem vorlauten Burschen fünf und zwanzig aufgezählt; hätte ich nur Franzosen in der Compagnie gehabt, die sollten sie noch besser gefühlt haben, mit ihrer Ehre. Die Rede that dem Uhlanen gar weh und er sagte: ich will ein Stückchen von einem französischen Unteroffizier erzählen, das gefällt mir besser. Unterm vorigen König sollten auf einmal die Prügel bei der französischen Armee eingeführt werden. Der Befehl des Kriegsministers wurde zu Straßburg bei einer großen Parade bekannt gemacht, und die Truppen hörten in Reih und Glied die Bekanntmachung mit stillem Grimm an. Da aber noch am Schluß der Parade ein Gemeiner einen Exzeß machte, wurde sein Unteroffizier vorkommandirt, ihm zwölf Hiebe zu geben. Es wurde ihm mit Strenge befohlen, und er mußte es thun. Als er aber fertig war, nahm er das Gewehr des Mannes, den er geschlagen hatte, stellte es vor sich an die Erde, und drückte mit dem Fuße los, daß ihm die Kugel durch den Kopf fuhr und er todt niedersank. Das wurde an den König berichtet, und der Befehl, Prügel zu geben, ward gleich zurück genommen; seht, Vater, das war ein Kerl, der Ehre im Leib hatte! Ein Narr war es, sprach der Bruder, — freß Deine Ehre, wenn Du Hunger hast! brummte der Vater. Da nahm mein Enkel seinen Säbel und ging aus dem Hause und kam zu mir in mein Häuschen, und erzählte mir alles und weinte die bittern Thränen. Ich konnte ihm nicht helfen; die Geschichte, die er mir auch erzählte, konnte ich zwar nicht ganz verwerfen, aber ich sagte ihm doch immer zuletzt: Gieb Gott allein die Ehre! Ich gab ihm noch den Segen, denn sein Urlaub war am andern Tage aus, und er wollte noch eine Meile umreiten nach dem Orte, wo ein Pathgen von mir auf dem Edelhof diente, auf die er gar viel hielt, er wollte einmal mit ihr hausen; — sie werden auch wohl bald zusammen kommen, wenn Gott mein Gebet erhört. Er hat seinen Abschied schon genommen, mein Pathgen wird ihn heut erhalten, und die Aussteuer hab' ich auch schon beisammen, es soll auf der Hochzeit weiter Niemand sehn, als ich. Da ward die Alte wieder still und schien zu beten. Ich war in allerlei Gedanken über die Ehre, und ob ein Christ den Tod des Unteroffiziers schön finden dürfe? Ich wollte: es sagte mir einmal Einer etwas Hinreichendes darüber. Als der Wächter Ein Uhr anrief, sagte die Alte: nun habe ich noch zwei Stunden; ei, ist Er noch da, warum geht Er nicht schlafen? Er wird morgen nicht arbeiten können, und mit Seinem Meister Händel kriegen; von welchem Handwerk ist Er denn, mein guter Mensch? Da wußte ich nicht recht, wie ich es ihr deutlich machen sollte, daß ich ein Schriftsteller sey. Ich bin ein Gestudirter durfte ich nicht sagen, ohne zu lügen. Es ist wunderbar, daß ein Deutscher immer sich ein wenig schämt, zu sagen: er sey ein Schriftsteller; zu Leuten aus den untern Ständen sagt man es am ungernsten, weil diesen gar leicht die Schriftgelehrten und Pharisäer aus der Bibel dabei einfallen. Der Name Schriftsteller ist nicht so eingebürgert bei uns, wie das [homme de lettres] bei den Franzosen, welche überhaupt als Schriftsteller zünftig sind, und in ihren Arbeiten mehr hergebrachtes Gesetz haben, ja bei denen man auch fragt: [ou avez vous fait votre Philosophie], wo haben sie ihre Philosophie gemacht? wie denn ein Franzose selbst viel mehr von einem gemachten Manne hat. Doch diese nicht deutsche Sitte ist es nicht allein, welche das Wort Schriftsteller so schwer auf der Zunge macht, wenn man am Thore um seinen Charakter gefragt wird, sondern eine gewisse innere Scham hält uns zurück, ein Gefühl, welches Jeden befällt, der mit freien und geistigen Gütern, mit unmittelbaren Geschenken des Himmels Handel treibt. Gelehrte brauchen sich weniger zu schämen als Dichter, denn sie haben gewöhnlich Lehrgeld gegeben, sind meist in Aemtern des Staats, spalten an groben Klötzen, oder arbeiten in Schachten, wo viel wilde Wasser auszupumpen sind. Aber ein sogenannter Dichter ist am übelsten daran, weil er meistens aus dem Schulgarten nach dem Parnaß entlaufen, und es ist auch wirklich ein verdächtiges Ding um einen Dichter von Profession, der es nicht nur nebenher ist. Man kann sehr leicht zu ihm sagen: mein Herr, ein jeder Mensch hat, wie Hirn, Herz, Magen, Milz, Leber und dergleichen, auch eine Poesie im Leibe, wer aber eines dieser Glieder überfüttert, verfüttert, oder mästet, und es über alle andre hinüber treibt, ja es gar zum Erwerbzweig macht, der muß sich schämen vor seinem ganzen übrigen Menschen. Einer, der von der Poesie lebt, hat das Gleichgewicht verloren, und eine übergroße Gänseleber, sie mag noch so gut schmecken, setzt doch immer eine kranke Gans voraus. Alle Menschen, welche ihr Brod nicht im Schweiß ihres Angesichts verdienen, müssen sich einigermaßen schämen, und das fühlt Einer, der noch nicht ganz in der Tinte war, wenn er sagen soll, er sey ein Schriftsteller. So dachte ich Allerlei, und besann mich, was ich der Alten sagen sollte, welche, über mein Zögern verwundert, mich anschaute und sprach: Welch' ein Handwerk Er treibt? frage ich, warum will Er mir's nicht sagen, treibt Er kein ehrlich Handwerk, so greif Er's noch an, es hat einen goldnen Boden. Er ist doch nicht etwa gar ein Henker oder Spion, der mich ausholen will; meinet halben sey Er wer Er will, sag' Er's, wer Er ist! Wenn Er bei Tage so hier säße, würde ich glauben, Er sey ein Lehnerich, so ein Tagedieb, der sich an die Häuser lehnt, damit er nicht umfällt vor Faulheit. Da fiel mir ein Wort ein, das mir vielleicht eine Brücke zu ihrem Verständniß schlagen könnte: Liebe Mutter, sagte ich, ich bin ein Schreiber. Nun, sagte sie, das hätte Er gleich sagen sollen; Er ist also ein Mann von der Feder, dazu gehören feine Köpfe und schnelle Finger, und ein gutes Herz, sonst wird Einem drauf geklopft. Ein Schreiber ist Er? kann Er mir dann wohl eine Bittschrift aufsetzen an den Herzog, die aber gewiß erhört wird, und nicht bei den vielen andern liegen bleibt? Eine Bittschrift, liebe Mutter, sprach ich, kann ich Ihr wohl aufsetzen, und ich will mir alle Mühe geben, daß sie recht eindringlich abgefaßt seyn soll. Nun, das ist brav von Ihm, erwiederte sie; Gott lohn' es Ihm, und lasse Ihn älter werden, als mich, und gebe Ihm auch in Seinem Alter einen so geruhigen Muth und eine so schöne Nacht mit Rosen und Thalern, wie mir, und auch einen Freund, der Ihm eine Bittschrift macht, wenn es Ihm Noth thut. Aber jetzt gehe Er nach Haus, lieber Freund, und kaufe Er sich einen Bogen Papier und schreibe Er die Bittschrift; ich will hier auf Ihn warten, noch eine Stunde, dann gehe ich zu meiner Pathe, Er kann mitgehen, sie wird sich auch freuen an der Bittschrift. Sie hat gewiß ein gut Herz, aber Gottes Gerichte sind wunderbar. Nach diesen Worten ward die Alte wieder still, senkte den Kopf und schien zu beten. Der Thaler lag noch auf ihrem Schooß. Sie weinte. Liebe Mutter, was fehlt Euch, was thut Euch so weh, Ihr weinet? sprach ich. Nun warum soll ich denn nicht weinen, ich weine auf den Thaler, ich weine auf die Bittschrift, auf Alles weine ich. Aber es hilft nichts, es ist doch Alles viel, viel besser auf Erden, als wir Menschen es verdienen, und gallenbittre Thränen sind noch viel zu süße. Sehe Er nur einmal das goldne Kameel da drüben, an der Apotheke, wie doch Gott Alles so herrlich und wunderbar geschaffen hat, aber der Mensch erkennt es nicht, und ein solch' Kameel geht eher durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich. — Aber was sitzt Er denn immer da, gehe Er, den Bogen Papier zu kaufen, und bringe Er mir die Bittschrift. 3. Vom braven Kasperl