Die Unbeſeelten

Von Kurd Laßwitz (1908)

„Kommt nur wieder hervor, die Sonne ſcheint ja. Vor dem bischen Luftzug braucht ihr euch nicht zu verkriechen.“

Vorſichtig guckten die jungen Veilchen mit ihren violetten Köpfchen aus dem welken Laube am Wieſenrand heraus.

„Aber ihr habt ſo fürchterlich geraſchelt, ihr braunen Blätter!“ ſagte das älteſte der Veilchen am Stocke. „Was war denn los?“

„Wir haben nur ein bischen muſiziert,“ erwiederten die welken Blätter — ſie ſprachen immer gleichzeitig durcheinander — „man muß ſich's wahrnehmen, wenn gerade der Wind geht.“

„Und ich dachte wirklich ſchon, der Menſch käme.“

„Es ging auch einer da drüben. Über den machten wir uns eben luſtig. So ein Ding in Kleidern, das von ſelbſt umherläuft und ſchreit, iſt es nicht zum Raſcheln?“

„Und ich habe mich ſo gefürchtet,“ ſagte das jüngere Veilchen. „Fürchtet ihr euch denn nicht? Der Wurzelſtock hat uns geſagt, der Menſch iſt das Schlimmſte. Wenn er uns nicht tot tritt, ſo bricht er uns doch den Hals. Und das Beſte iſt die Biene,“ ſetzte es ſchüchtern hinzu.

„Nun ja,“ meinten die Blätter, „für ſo junge Dinger wie ihr, hübſch wie ihr ſeid, da iſt freilich die Biene beſſer als der Menſch. Aber wir — was ſoll der Menſch uns ſchaden? Wir halten zuſammen. Er iſt doch nur ſo ein geduldetes Naturprodukt.“

„Ich bin gar nicht mehr ſo jung,“ ſprach das ältere Veilchen. „Ich bin ſchon ſeit geſtern aus der Knoſpe, und wenn die Biene nicht bald kommt — meinetwegen mag der Menſch kommen — zu irgend etwas wird er ja auch gut ſein.“

„Aber ich fürchte mich vor dem Menſchen,“ ſagte das jüngere, „Er iſt etwas ſo Unbeſtimmtes, Bewegliches, man fühlt ſein Nahen im Boden, dann wird es dunkel über uns, und dann, wenn er nach uns ſucht“ —

„Ach, ſuchen!“ riefen die Blätter. Da glaubt ihr wohl gar, er hätte ein Bewußtſein von dem, was er tut? Etwa wie ihr, wenn ihr das Geſicht nach dem Lichte dreht? Der Menſch iſt doch nicht beſeelt! Er iſt doch keine Pflanze! Höchſtens ein unruhiges Tier, das eben nimmt, was es erwiſcht.“

„Woher wißt ihr denn das?“

„Das iſt ja eine alte Geſchichte. Die hätte auch der Wurzelſtock euch erzählen können. Freilich, wir wiſſen es genauer.“

„Aber ſeid ihr denn ſo alt? Eigentlich ſeid ihr doch gar nicht mehr lebendig, wenn ihr abfallt, und jeden Herbſt fallen neue Blätter“ —

„O bitte, wir ſind noch eine ganze Weile lebendig — in uns iſt es lebendig, bis uns der Bazillus erlöſt hat und wir wieder zu Erde geworden ſind. Dann beginnt der Kreislauf von neuem. Aber die wir hier zuſammenliegen, wir warten auf die neue Generation im Herbſt, der teilen wir unſere Erfahrungen mit. Das iſt ſehr gemütlich unterm Schnee. Wir welken Blätter, wir ſind eben die Literatur, wir ſind im ewigen Wechſel das dauernde Gedächtnis der Pflanzenwelt. Wir kannten den Menſchen ſchon, als er noch halbnackt mit dem Knüttel umherkletterte, wir ſahen die großen Drachen die Bäume abnagen, längſt ehe es den Menſchen gab. Wir wiſſen —“

„Na, na,“ brummte der Wurzelſtock vom Boden her, „redet nicht ſo viel mit meinen Töchterchen. Die müſſen aufpaſſen, ob die Biene kommt. Ihr wollt wohl hier die geſamte Pflanzengeſchichte aufrollen bis zu unſern älteſten Vorfahren — ſchließlich wäre der Menſch noch entfernt mit uns verwandt — ich danke!“

„Das iſt er ja nun auch leider. Ganz unten bei den Einzellern, ehe Pflanzen und Tiere ſich trennten, haben wir gemeinſame Stammeltern. Wir wiſſen's, wir bewahren die Tradition. Aber der Menſch hat ſein von der Mutter Erde mitbekommenes Bewußtſein nicht fortgebildet wie wir, ſein Stamm hat ſich eben nicht zur Pflanze entwickelt, ſondern zum Tier, und ſo iſt ſeine Seele verkümmert.“

„Aber könnte er nicht doch eine Seele haben, wenn auch eine andere als wir?“ fragte das ältere Veilchen beſcheiden. „Wir wurzeln ja in der Erde, aber wir wenden uns auf zum Licht, zur Sonne. Vielleicht hat der Menſch eine Seele vom Himmel?“

„Da kommt doch auch die Biene her,“ ſagte die Schweſter.

„Phantaſtiſches Geſchwätz!“ rauſchten die Blätter. „Wozu brauchte der Menſch herumzulaufen, wenn er die richtige Erdſeele in ſich hätte! In der Jugend, ehe wir zur vollen Ausbildung gekommen ſind, da kriechen wir Pflanzen als junge Keime auch umher oder laſſen uns von Luft und Waſſer tragen, und wir gebildeten Offenblühenden reiten auf den abgerichteten Inſekten. Aber ſobald wir heranwachſen, bilden wir Wurzeln und ſitzen feſt. Denn wir haben's nicht nötig, überall herumzukundſchaften, der Nahrung nachzulaufen und ſie einzufangen. In der Erde ſtehen wir, und Luft und Waſſer kommen zu uns. Und eben dadurch, daß wir am Boden haften, haben wir unſern Anteil am Erdbewußtſein, unſere Seele, die unſterblich iſt wie die Erde ſelbſt.“

„Ganz richtig!“ ſagte der Wurzelſtock. „Und je mehr wir in der Erde ſtecken, um ſo klarer iſt unſere Erderinnerung, um ſo feiner unſer Seelenleben.“

„Na, darüber wollen wir hinwegraſcheln,“ meinten die Blätter. „Aber das iſt doch zweifellos — hätte der Menſch eine Seele, ſo brauchte er nicht Arme und Beine, um nach außen zu ſchweifen und zu greifen; dann hätte er alles unmittelbar in ſich wie wir. Aber weil er ſich das Herumlaufen angewöhnt hat, ſo iſt er ein Ding ohne Seele geworden.“

„Wieſo?“ fragten die Veilchen.

„Seine Vorfahren waren zu faul, innerlich zu arbeiten. Statt ſich ſelbſt ein ordentliches Blattgrün zu bilden, um ſeine Nahrungsſtoffe aus Luft, Waſſer und Boden herauszuziehen und ſich Stärke daraus zu machen, da ſtürzte ſich in jenen uralten Zeiten ein Teil der Lebeweſen auf unſere braven Stammeltern, die ſich mühſam von Luft und Waſſer nährten, und fraß ſie auf. Das war freilich bequemer, ſo die Stärke gleich fertig zu nehmen. Dafür haben aber dieſe Schmarotzer nie gelernt, direkt von der Erde zu leben. Und ſo ſind ſie nun auf unſere Gnade angewieſen.“

„Wie ſo?“ fragten die Veilchen noch einmal.

„Weil Menſch und Tier nicht ohne uns leben können! Nicht einen Tag! Nicht ein Stückchen Boden können ſie verdauen. Alles, was ſie genießen wollen, muß erſt durch die Pflanzen gegangen ſein. Wir könnten ſie aushungern, wollten wir uns nicht freſſen laſſen. Aber wir verzehren ſie ja auch ſelber wieder, teils tot, teils lebendig. Und auch die Luft hätte der Menſch nicht, wenn wir nicht immer wieder friſche Atemluft aushauchten. Wir alſo ernähren und erhalten den Menſchen — was braucht er da eine Seele? Wir ſind der Erde treu geblieben, ihre unmittelbaren Kinder, ein ſeßhaftes Geſchlecht mit dem Wahlſpruch: Still und würdig. So ſind wir bis zur Buche und zur Schlingpflanze aufgeſtiegen.“

„Und zum Veilchen,“ fügte der Wurzelſtock hinzu. „Die Tiere aber haben den Wahlſpruch: Laut und zapplig! Und der Menſch iſt ein Tier, alſo hat er keine Seele.“

„Aber,“ begann das ältere Veilchen zweifelnd, „ſollten die Tiere nicht doch auch etwas von ſich wiſſen, obwohl ſie nicht ſo beſonnen ſind wie wir? Der Menſch — nun, es mag ja ſein, daß er uns nicht verſteht — aber wir verſtehen ihn vielleicht auch nicht. Und die Biene — die Biene iſt doch gut und beſucht uns.“ — —

„Na ja, ſie verheiratet euch,“ brummte der Wurzelſtock, „ſie tauſcht den Blütenſtaub zwiſchen euch.“

„Ach ja, wenn die Biene kommt!“ fiel das jüngere Veilchen ein. „Iſt ſie noch nicht da?“

Es ſtreckte das Köpfchen etwas weiter unter den Blättern vor, daß ihm die Sonne freundlich auf die feinen, dunkelblauen Linien ſchien, die ſich durch das weiße Saftmal kokett nach der Blütenpforte hinzogen.

„Die Biene,“ riefen die welken Blätter, „mit deren Seele wird's auch nicht weit her ſein. Abrichtung iſt alles — ihr habt's ihr eben anerzogen. Da habt ihr euch ſo einen ſchönen Sporn angelegt, daß die Biene ihren Rüſſel nach dem Honig ſo recht lang hineinſtecken muß, und da“ —

„Bitte“ ſagten die Veilchen, „wir wollen nichts mehr hören. Ihr werdet unſchicklich.“

„Wir wollen weiter nichts ſagen, als daß euch die Biene nur beſucht, weil ihr der Honig ſchmeckt; aber ob ſie euch damit eine Liebe antut, das iſt ihr ganz gleichgültig.“

„Ach, wenn die Biene kommt!“ ſeufzte das zweite Veilchen wieder. „Dazu lebt man doch! Es muß etwas Schönes ſein um die Liebe!“

„Freilich beſſer als abgeriſſen werden.“

„Wenigſtens weiß man, was geſchieht, wenn die Biene kommt; aber was uns nach dem Beſuch des Menſchen paſſiert, das weiß niemand.“

„Alſo kann man garnicht wiſſen, ob es ſo ſchlimm iſt,“ bemerkte das ältere Veilchen leiſe.

„Ob die Biene auch zum Menſchen kommt?“ fragte das jüngere.

„Wenn er keine Seele hat, da wär's freilich nicht nötig — aber eine Seele ohne Liebe, das iſt doch traurig.“

„Mir will's nicht einleuchten,“ begann das ältere wieder, „daß der Menſch nichts fühlen ſollte. Was hätte er denn davon, uns mitzunehmen, wenn er uns nicht ſchön fände und duftend? Und vielleicht auch wenn wir gepflückt ſind und beim Menſchen weilen, vielleicht freut ſich dann noch etwas in der Welt, wenn wir ſterben.“

„Sei nicht ſo ſentimental — ſieh dich lieber um,“ raunte der Wurzelſtock.

„Schließlich bleibſt du ja doch im Boden, alter Papa — —“

„Aufgepaßt!“ raſchelten die Blätter. „Der Menſch kommt.“

Die Veilchen duckten ſich, aber das älteſte nahm ſich zu viel Zeit. Da rief eine fröhliche Menſchenſtimme:

„Ich ſeh' was! Da! Ein Veilchen! Das erſte dieſes Jahr im Freien! Und gerade am Oſterſonntag. Das ſollſt du haben!“

Und die friſche Mädchengeſtalt bückte ſich zum Boden und ſchob die braunen und die grünen Blätter zur Seite. „O, da ſind noch mehr!“

Sie pflückte das größte Veilchen und ſtreckte die Hand nach dem zweiten aus. Das ſeufzte:

„O weh! Ich will nicht zu dem Menſchen, der keine Seele hat, ich will mit der Erde leben.“ —

„Aufgepaßt, die Biene!“ riefen die Blätter wieder.

Die Biene ſummte — das ging ſo ſchnell — da war ſie ſchon bei dem jüngeren Veilchen und ſetzte ſich auf das untere Kronblatt.

Die Hand des Mädchens zuckte zurück.

„Eine Biene,“ rief es erſchrocken und ſprang auf.

Ein Arm umfaßte ihre Schulter, und eine tiefere Stimme ſprach:

„Eines genügt. Wie es duftet!“

„Und wie es ausſchaut, als ob es etwas ſagen wollte.“

„Was denn?“

„Frühling und“ —

„Und?“

„Hoffnung!“